Meinung : Die Ohren voll gestopft

Von Pascale Hugues, Le Point

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Ein Februarmorgen in Schöneberg. Der Himmel ist grau, der Schnee schmilzt in schmutzigen Schlieren. Vor dem Bürgerbüro des Rathauses wartet eine Schlange von Steuerpflichtigen darauf, ihre Rechte vor den Behörden geltend zu machen. Das ist das Schöneberg von heute.

Wer das vergessene Antlitz des Viertels aus der Vorkriegszeit entdecken will, muss zunächst einen langen Gang entlanggehen und ein paar schwere Türen aufstoßen. Straße für Straße, Etage für Etage hat die Ausstellung „Wir sind Nachbarn“ die Biografien von 92 jüdischen Familien rekonstruiert, die einst im Bayerischen Viertel lebten. Da gibt es solche wie Albert Einstein oder Gisèle Freud, die zu Berühmtheiten geworden sind, es gibt aber auch einfache Bürger ohne besondere Geschichte. Es gibt solche, die es rechtzeitig geschafft haben nach England zu fliehen, und solche, die nie aus den Lagern zurückgekehrt sind und von denen man selbst den Namen vergessen hätte, wenn nicht ein paar Historiker Stunden damit zugebracht hätten, die von der „Vermögensverwertungsstelle“ für jeden Deportierten angelegten Karteikarten auszuwerten. Familienfotos, Briefe und Aussagen von Überlebenden wurden in Alben arrangiert, die auf langen Pulten von blassen, kleinen Lampen angestrahlt werden.

Hier ist der Holocaust nicht länger ein Verbrechen, das hunderte von Kilometern entfernt verübt wurde, im tiefsten Osten, weit weg von uns und ohne uns. Den Nachbarn vom Treppenabsatz, den Klassenkameraden, den Bäcker, den Skatbruder aus der Eckkneipe, den Arzt vom Ende der Straße: Sie alle hat die Nazi-Maschinerie ihrer Rechte beraubt und ausgelöscht.

Aus einem kompletten Viertel wurde der Alltag ausradiert. Wer die Aufarbeitung all dieser verlorenen Leben betrachtet, der fühlt Traurigkeit – schlichte und grenzenlose Traurigkeit. Aus der Arbeit, die seit Jahren im Bayerischen Viertel geleistet wird, ist für mich der eindrücklichste Erinnerungsort Berlins entstanden.

Auf einem Tisch am Ende der Ausstellung liegt ein aufgeschlagenes Gästebuch. „Nie wieder!“ heißt es da, und „Niemals vergessen!“ Dazwischen hat ein anonymer Schlesienvertriebener seinen unterdrückten Zorn über eine komplette Seite gerotzt: „Es entsteht aus dieser Auseinandersetzung nur neuer Hass, der von einer Generation an die nächste weitergegeben wird. Dieses Thema kann man ja bald nicht mehr hören!“ Ein paar Seiten weiter springt mir eine große Kinderschrift ins Auge: „So geil hab ick mir dit nich vorgestellt. Ihr stinkt. Geht duschen“, steht da. „Hat mir sehr Spaß gemacht hier zu sein und mich zu langweilen. Echt geiler Laden hier bei euch, ihr Rentner-Socken.“

Die, die das geschrieben haben, sind höchstens 14, 15 Jahre alt. Schüler aus dem Viertel. Letzte Woche waren sie hier, mit ihrer Lehrerin. Sie sind zwischen den kleinen, blassen Lampen herumgeirrt, haben gekichert und Kaugummi gekaut. Die Jungs haben die Mädchen geärgert, die Mädchen haben ihren Walkman aufgesetzt, um die Jungs zu ignorieren. Sie haben ihre Kommentare ins Gästebuch eingetragen, wie man Graffiti in eine U-Bahn-Unterführung schmiert. Um zu provozieren. Um cool zu sein. Ohne Hintergedanken, einfach so, um irgendwie die Zeit totzuschlagen. Sie haben keinerlei Trauer gespürt, keine Emotionen. Überhaupt nichts haben sie gespürt.

Ich bin nicht in Deutschland zur Schule gegangen und frage mich, wie der Holocaust hier zu Lande behandelt wird. Ich frage mich, warum diese jungen Leute, die weder gefährliche Neonazis noch widerliche Revisionisten sind, sondern bloß von der Gnade der späten Geburt gesegnete Backfische – warum sie nicht das Gleiche gefühlt haben wie ich und das halbe Dutzend Besucher, das still über den Alben hing.

Warum haben sie keinen Bezug zu diesen Geschichten gefunden? Warum haben sie sich nicht gefragt, wer damals in der Wohnung unter ihnen gelebt hat? Warum konnten sie sich nicht in die Haut jenes kleinen jüdischen Jungen in ihrem Alter versetzen, der ganz alleine nach England geschickt und für immer von seinen Eltern getrennt wurde? Hat man sie in der Schule mit Schuld erschlagen? Hat man sie so übermäßig mit diesem Kapitel der Geschichte voll gestopft, dass sie es jetzt „nicht mehr hören können“? Oder wurde zu Hause zu wenig in aller Ruhe über die eigene Familie erzählt?

In diesem Jahr der Erinnerung mit seinen zahllosen Jubiläumsdaten ist es wichtig, sich Gedanken zu machen, wie wir die Erinnerung an unsere Kinder weitergeben.

Die Autorin schreibt für das französische Magazin „Le Point“.

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