Meinung : Die Parteien und die Gene: Politik im Embryonalstadium

Der Fortschritt ist keine Schnecke, sondern ein genmanipuliertes Rennschwein. Langsam sind nicht die wissenschaftlichen und technischen Entwicklungen, langsam ist der Mensch. Und der gewöhnt sich nur schwer an die Möglichkeiten, die sich durch die Fortschritte in der Gentechnik ergeben. In diesem Fall ist die Trägheit des Menschen jedoch eine psycho-physikalische Form von Klugheit. Denn über eine Technik, die die Gesellschaft aus den Angeln heben kann, sollte man erst mal ein bisschen nachdenken, bevor man Ja und Amen sagt. Doch wer allzu lange nachdenkt, ohne zu handeln, wird überrollt.

Zwischen der Trägheit der Menschen und dem Tempo der Technik kann nur eine Instanz vermitteln: die Politik. Die hat sich jedoch bisher nicht getraut. Oder immer vermeintlich Wichtigeres zu tun. Gerhard Schröder erklärte die Gentechnik zwar schon mehrfach zur Chefsache. Doch die SPD muss sich mit der roten, der auf den Menschen bezogenen Gentechnik erst noch intensiv befassen. CDU, Grüne und FDP haben sich gerade den moralischen und rechtlichen Fragen genähert, die künftig den Kern des Menschen und der Gesellschaft bestimmen.

Jetzt ist klarer, wo die Konflikte verlaufen werden. Die FDP will Liberalisierung fordern. Für sie ist Deutschland nicht Amerika und daher auf dem falschen Weg. Wir dürfen, meint die FDP, auch beim Thema Gentechnik keine "Insel der Angst und der Bedenkenträger" sein. Ob dieser Standardgedanke der richtige (oder auch nur der für die FDP passende) ist, darf bezweifelt werden. Liberalismus braucht Grenzen, um gedeihen zu können: den Staat und die Menschenwürde. Ist eine Lockerung des Tötungsverbots im Falle von Embryonen liberal?

Unübersehbar ist die Allianz, die sich zwischen Grünen und CDU, zwischen Andrea Fischer und Angela Merkel abzeichnet. Beide haben jüngst ein Streitgespräch über die rote Gentechnik geführt - aber es gab keinen Streit. Beide Parteien sagen zur Gentechnik: Ja, aber. Dieses Aber umfasst vier Punkte: 1. Kein Eingriff in die Keimbahn, also keine Veränderungen, die vererbt werden können. 2. Keine Erzeugung und Vernutzung von Embryonen für therapeutische Zwecke. 3. Kein Klonen von Menschen. 4. Keine Präimplantations-Diagnostik (PID), also keine Selektion von Embryonen vor ihrem Einsetzen in den Mutterleib.

Alle vier Abers werden sich als sehr mutig erweisen. Der Verzicht auf diese Entwicklungslinien würde Deutschland etwas kosten, zumindest finanziell. Bei der PID sind sich Grüne wie CDU auch schon nicht mehr sicher. Die Rechtslage von Abtreibungsparagraf und Embryonenschutzgesetz hat eine moralische Absurdität hervorgebracht: Ein erbkranker Embryo darf vor dem Einpflanzen in den Mutterleib nicht getötet werden, aber wenn er erst mal in der Gebärmutter sitzt, dann hört der Schutz auf, und er kann bis weit über die 12. Woche hinaus abgetrieben werden.

Dieser Widerspruch lässt sich auch mit noch so gewitzten Formulierungen nicht halten, moralisch nicht und juristisch wohl auch nicht. Angela Merkel hat dazu eine kluge Beobachtung beigesteuert: Wenn wir früher gewusst hätten, was mit der Gentechnik auf uns zukommt, hätten wir vieles anders diskutiert. Im Klartext: Wäre dem Bundestag vor zehn Jahren klar gewesen, dass es einmal PID geben würde, sähe der Abtreibungsparagraf 218 heute anders aus. Restriktiver.

Doch das ist nur logisch, nicht politisch: Heute trauen sich weder Grüne noch CDU, den Paragrafen 218 anzutasten. Die Grünen, weil sie konservativer geworden sind und fürchten, ihre Anhängerschaft zu verunsichern. Und die CDU, weil sie nicht als unmodern dastehen will. Darum suchen die beiden Parteien nach einem Verfahren, wie auch PID legalisiert werden könnte, ohne dass gleich die anderen drei Abers mit umfallen.

Einfach wird das nicht. Denn PID bedeutet: Herstellen von überzähligen Embryonen. Wohin dann mit dem Rest? Warum den nicht medizinisch nutzen? Warum nicht gesunde Embryonen klonen?

Die Debatte über die Gentechnik ist folgenschwerer als alles, worüber Politiker in den letzten Jahrzehnten gestritten haben. Unvorstellbar, dass das ohne die SPD zu schaffen ist. So warten wir also auf den Kanzler. Und dann geht es endlich auch in Deutschland ins Detail. In dem hier sehr buchstäblich der Teufel steckt.

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