Meinung : Die Physikerin der Macht

Angela Merkel hatte dem wütenden Gerhard Schröder am Ende nichts mehr entgegenzusetzen

Ursula Weidenfeld

Im Nachhinein sind ihre Fehler so offenbar, dass man sich wirklich wundern muss, wie Meinungsforscher und Meinungsmacher so lange auf einen Sieg setzen konnten: Angela Merkel hat kein Rezept gefunden gegen die Unverschämtheiten Gerhard Schröders. In der CDU hat die Protestantin aus dem Osten die Seele der Partei im Westen nicht erreicht. Sie hat die Wärme der katholischen Soziallehre, der Stammtische in Schwaben, der Traditions-Verbände in Niedersachsen ignoriert, als ob die Partei diese Wurzeln nicht bräuchte. Sie hat eine CDU zur Wahl gestellt, die wie eine liberale Erneuerungspartei wirkte – nicht wie eine konservative Volkspartei.

Das Resultat – ein Desaster.

Im Nachhinein ist immer alles klar und schlüssig. Frau Merkel wird das nicht helfen. Sie trägt schwer an der politischen Verantwortung für den Einbruch. Und will dennoch Kanzlerin werden. An diesem Dienstag wird sie sich dem Votum der künftigen CDU/CSU-Fraktion stellen. Von den eigenen Leuten wird maßgeblich abhängen, wie es mit Merkel, der CDU und mit Deutschland weitergeht. Von der Fraktion, den Ministerpräsidenten hängt ab, ob und wie lange Angela Merkel nach Koalitionspartnern suchen, ob und wie lange die CDU eine klare Reformpartei bleiben darf. Und: ob Angela Merkel Kanzlerin wird.

Keine Frage: Vermutlich wären 90 Prozent aller männlichen Politiker an dem Vorstadt-Rambo gescheitert, den Schröder in den letzten Wochen gegeben hat. Nur hätte man es einem Roland Koch, einem Christian Wulff oder einem Edmund Stoiber vielleicht noch nachgesehen, wenn sie dem wütenden Wahlkämpfer Schröder keine klaren Grenzen gesetzt hätten. Doch das Schweigen Merkels zu den Attacken der Kanzlergattin auf ihre Familienbiographie, zu den Polemiken Schröders gegen Paul Kirchhof war falsch. Es war anständig. Aber es war schwach. Im Nachhinein weiß man auch das. Ist Merkel zu echter Führerschaft bereit? Hat sie einem Alphatier wie Schröder überhaupt etwas entgegenzusetzen? Will sie die Macht? Das waren die Fragen, die die Wähler an Merkel hatten – und die sie selbst mit Nein beantworteten.

Hätte Merkel etwas mehr Machiavelli und etwas weniger Marie Curie gelesen, so hätte sie die Gefährlichkeit Schröders trotz dessen scheinbar hoffnungsloser Lage erkannt. „Lass nur einen Fürsten siegen, so werden die Mittel dazu stets von jedermann gelobt werden“ – die CDU-Kanzlerkandidatin aber ließ sich lieber für ihre Ehrlichkeit loben. Angela Merkel, die Physikerin der Macht, hat geglaubt, man müsse nach einem klaren Schema ein paar Hebel in Bewegung setzen, um am Ende das Ganze zum Kippen zu bringen. Offene Aggression ist die Sache Merkels nicht. Merkel hat Inhalte geboten – und darüber aus den Augen verloren, dass man dafür zuerst die Macht braucht. Schröder dagegen hat dem Land gezeigt, wie einer ist, der zuerst die Macht und nichts als die Macht will.

Dennoch: Für Schröder ist alles, für Merkel noch nicht alles verloren. Wenn sie an diesem Dienstag mit einem respektablen Ergebnis als Fraktionsvorsitzende bestätigt würde, dann könnte sie in den kommenden Wochen ihre Stärke ausspielen: das Warten auf den richtigen Moment, das strategische Denken vom gewünschten Ergebnis her. Denn die großen Tage der politischen Rüpel sind seit Sonntagnacht vorbei. Die der Strategen nicht.

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