Meinung : Die Qual mit dem Wal

Nicht nur die Meeresriesen sind vom Aussterben bedroht

Dagmar Dehmer

Rituale sind langweilig. Die jährliche Tagung der Internationalen Walfangkommission (IWC) ist ein solches Ritual. Walschützer und Walfänger blockieren sich seit Jahren gegenseitig. Echte Beschlüsse, die alle binden, sind in der IWC schon lange nicht mehr gefasst worden, weil keines der beiden Lager über die dafür notwendige Drei-Viertel-Mehrheit verfügt. Anfang der 80er Jahre hatten es die Walschützer dann aber doch geschafft. Nachdem genügend jagdkritische Staaten beigetreten waren, beschloss die IWC ein Moratorium für die 13 bejagten Großwalarten, das 1986 in Kraft trat. Danach begann Japan, jagdfreundliche Staaten zu werben. Der Aufwand, mit dem beide Seiten um die Wale kämpfen, zeigt: Es geht um mehr.

Für Japan haben die Wale hohen Symbolwert. Das Jagdverbot hält Tokio für eine unerträgliche Bevormundung. Das sei, als würden die Hindus, denen Kühe bekanntlich heilig sind, der ganzen Welt verbieten, Rindfleisch zu essen. Dabei übersieht Japan großzügig, dass viele Großwalarten trotz Moratorium vom Aussterben bedroht sind.

Auch für die Umweltschützer von Greenpeace und dem WWF sind die Wale ein Symbol. Der Aufstieg von Greenpeace zum umweltpolitischen Weltkonzern verdankt sich vor allem der Walschutzkampagne der frühen 80er Jahre. Für beide Organisationen sind die Wale die einzigen Sympathieträger, mit denen sich auf die Probleme der Meere insgesamt aufmerksam machen lässt. Niemand will etwas über die Überfischung von Speisefischen wissen, auch wenn sie nicht weniger vom Aussterben bedroht sind als der Blauwal. Aber das Bartenmaul des Blauwals sieht aus, als lächle er. Speisefische, die aus der Tiefsee gezogen werden, sind abgrundtief hässlich. Sie eignen sich nicht als Logo für eine Kampagne zum Schutz der Meere.

Die IWC ist 1946 gegründet worden, weil selbst den Walfängern dämmerte, dass sie nicht mehr lange etwas zu fangen haben würden, wenn sie die Tiere nicht schützen. Dennoch war ihr Selbstverständnis stets das eines Weltunternehmensverbands für den Walfang. Das hat sich am Montag geändert. Mit der Berlin-Initiative, die eine knappe Mehrheit von 25 zu 20 Stimmen erzielt hat, ändert sich die Zuständigkeit der IWC. Künftig soll in einem Ausschuss auch über die wirklichen Probleme der Wale beraten werden – nämlich, dass sie zu Tausenden als unerwünschter Beifang in Fischernetzen landen. Oder dass die Meere verschmutzt sind. Eigentlich müsste sich die IWC aber auch mit der Überfischung befassen. Das wäre eine kleine Revolution und ein großer Segen für den Schutz der Weltmeere.

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