Meinung : Die rechte Gewalt und der Osten (4): Machtrausch der Ohnmächtigen

Kerstin Decker

Was ist der Mensch? Am Anfang ein unbeschriebenes Blatt. Kultur heißt, die Neulinge mit ihren Schriftzügen zu bedecken. Moderne Gesellschaften haben ein Beschriftungsproblem. Der Kanon der kulturell unabdingbaren Schriftzeichen löst sich auf, andere kommen hinzu. Und noch etwas geschieht: Die Direkteren sprechen von der tendenziellen Unbeherrschbarkeit der unbeschriebenen Blätter. Moderne Gesellschaften tragen tief in sich die Provokation des Barbarischen.

Moderne Erziehung und traditionale Erziehung unterscheiden sich vor allem in ihrer Wertschätzung der unbeschriebenen Blätter. Die moderne Erziehung sagt: Das Blatt ist zwar noch leer, aber es hat einen Eigensinn. Niemals knicken! - Wer Anerkennung erfuhr schon als Kind, wird niemals Neonazi, glaubt Gauck-Nachfolgerin Marianne Birthler. Nur eine freie Gesellschaft zeugt freie Menschen. Die Bürgerrechtler, Christian Pfeiffer und sonstige freiheitliche Deterministen denken: Die DDR ist schuld an den Neonazis im Osten. Falsche Erziehung. Dass die jungen Neonazis damals noch gar nicht ins Hauptbeschriftungsalter eingetreten waren, stört sie nicht.

Die Dialektiker sind unzufrieden. Sie finden etwas ganz Anderes aufregend: Dass nirgends die Sehnsucht nach Freiheit so stark ist wie in einer unfreien Gesellschaft. Dass nirgends die Demokratie so hochgeschätzt ist wie dort, wo sie fehlt. Dass sich wirkliche Subjektivität bildet - nein, gar nicht im Grenzenlosen, nicht unterm milden Lächeln der Kreativ-Seminar-Eltern, sondern im Sich-Abarbeiten am Widerstand. Insofern, finden sie (und nehmen sich selbst als Beleg), war die DDR prädestiniert zur Hervorbringung höchsten Eigensinns.

Wer hat recht?

Es begann mit den Hippies und reicht bis zu den Skinheads. Dazwischen kamen die Punks. Die Punks waren wir. Oder jedenfalls ihre Sympathisanten. Wir trugen Rasierklingen um den Hals, steckten uns Sicherheitsnadeln durch die Hosen, nähten halbe Reißverschlüsse unten dran und hörten "Sex Pistols". Wir verstanden die Botschaft: Denken ist was für Bekloppte!

Die Erwachsenen verstanden sie auch. Sie fürchteten unseren Primitivismus, den sie für endgültig hielten. Und was ist das? Stadtindianertum. Die Verteidigung der eigenen Wildheit gegen die Zumutung fremder Beschriftungen. Der Aufstand der leeren Blätter.

Und die Nazi-Skins? Sie sehen nicht zutraulicher aus. Sie gehören noch immer zum selben Widerstand, aber sie haben eine kulturelle Schallmauer durchbrochen. Das offene, spielerische Barbarentum auf Probe wird tiefer Ernst. Die Botschaft heißt nicht mehr: Über unsere Inschriften entscheiden wir!, sondern sie lautet jetzt: Runen-Bilder statt zivilisatorischer Zeichen! Es ist die Erhebung der Ursprünglichkeit gegen die Wissensbeschleunigten, der Zusammenschluss des Höhlenbewusstseins gegen die zeitgenössische Grenzenlosigkeit. Das feindliche Grenzenlose wird nur sichtbar an den Fremden. Darum ist die Frage - "Warum jagen die Ausländer, wo sie doch fast keine haben?" - naiv. Es ist der Aufstand der Verlierer der Wissensgesellschaft, der Nicht-Virtuellen. Ihr gemeinsamer Fluchtpunkt ist das Urmännertum. Denn virtuell-grenzenlose Welten sind nicht männlich. Sie sind weiblich-schimärenhaft.

Das Auffälligste an den Skinheads aber ist ihr Alter. Sie sind gar nicht jung, sie sehen nur so aus. Sie können nicht spielen. Und wenn es im Osten mehr Nazi-Skins geben sollte, heißt das dann: Im Osten gibt es mehr Doofe? - Rein demographisch betrachtet, ist das eher unwahrscheinlich. Aber es gibt bedenkenswerte Verstärkungseffekte.

Positiv betrachtet, ist Kultur Welteinführung. Eltern haben dazu knapp zwanzig Jahre Zeit. Die jungen Ostskins haben Beigetretene als Eltern. Ist das Beigetretensein eine gute Qualifikation zur Elternschaft? Die Beigetretenen hätten ihre Kinder gut in ihre alte Welt einführen können (mitsamt der wichtigsten Widerstandstechniken), doch die gab es nicht mehr. Statt dessen Einführung in die neue Welt mit ihrer höchst eigentümlichen, neuen Verteilung von Spaß und Ernst? Die neue Welt sieht aus wie ein einziger Spaß und ist doch tiefster, existentieller Ernst. Das begannen die Beigetretenen nach 1990 gerade zu fühlen - konnten sie es schon erklären? Beigetretensein, das heißt vorläufig Zu-Gast-Sein im eigenen, neuen Leben. Manche der Jungen fanden ein hartes Wort für diese Gastrolle im Leben. Sie nennen ihre Eltern die "Versagergeneration". Wo so viel Weichheit war, soll Härte werden. Das aber ist etwas ganz anderes als das einfache, oft wiederholte Die-Jungen-machen-was-die-Alten-denken.

Hier potenzieren sich Verlorenheiten: eine derbe Männlichkeit, deren Unbeweglichkeit nicht in moderne Hochbeschleunigungsuniversen passt, deren Kraft sich aber irgendwie betätigen muss, und die seltsame Herkunftslosigkeit trotz einer Herkunft.

Die Neonazis finden bei ihresgleichen Anerkennung. Und den kurzen, schlimmen Machtrausch der Ohnmächtigen. Sie sind ein Verwilderungsphänomen.

Hilft ein "Aufstand der Anständigen" gegen Verwilderungsphänomene?

Der Mensch ist wohl immer Großwelt- und Kleinweltbewohner zugleich. Er gehört in die kleinen, runden, eher höhlenartigen Herkunftswelten der Familie, in denen Kinder aufwachsen, und in die grenzenlos-weltoffenen Universen zugleich. Das Problem der Zukunft ist, ob die Gesellschaft die Balance zwischen beiden lebbar halten kann. Oder ob das soziale Gestrüpp weiterwächst, nicht nur im Osten. Solange werden die jungen Nazis bleiben.

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