Meinung : Die rechte Gewalt und der Osten: Durchs wilde Thüringen

Detlev Lücke

Vor einiger Zeit hingen in Berlin-Treptow Plakate, auf denen zu einer Veranstaltung unter dem Titel "Warum ist der Osten braun?" eingeladen wurde. Ob sich der Osten diese Frage so gestellt hätte? Es war eine Frage von außen, in der die Antwort schon zu Hause war. Sie zielte auf weiterwirkende Gewissheiten und auf die Furcht vor dem Fremden, das man nicht kennenlernen will. Mit solchen plakativen Anschlägen wird man jedoch das Problem der rechten Gewalttaten im Osten nicht lösen können.

Richard von Weizsäckers Satz, dass Deutschland eine "Wiedervereinigung in der Schuld" vollziehen müsse, wird in beiden Teilen der Bundesrepublik höchst ungern angenommen. Schuld ist immer der andere. Dieses Delegationsprinzip ist bequem und lenkt von eigener Verantwortung ab. Früher saßen nach Rechnung der SED die Faschisten im Westen und die Antifaschisten im Osten. Die SED ist weg, also muss es heute umgekehrt sein. Wenn man die Summe aus beiden propagandistischen Missverständnissen ziehen würde, könnte die Rechnung ja wieder stimmen.

Zwischen Ost und West gilt noch immer das Prinzip gegenseitiger Anklage. National befreite Zonen haben nur im Osten zu existieren und nicht in Gifhorn (Niedersachsen), wo Jungnazis sie gerade ausgerufen haben. Anderseits soll es, wie das "Neue Deutschland" Anfang August mit einer Statistik belegen wollte, mehr rechte Gewalt im "weißen Westen" geben. Für alles lassen sich Beweise und Gegenbeweise erbringen. Den Erschlagenen und Gequälten ist es egal, ob sie in den Zernsdorfer See (Ost) oder den Bodensee (West) geworfen werden, ob man sie in Greifswald oder in Duisburg zu Tode hetzt. Aufrechnung macht bequem.

Der Osten ist nicht braun, es ist ein Unterschied, ob man in Heiligenstadt (Thüringen) oder in Königswusterhausen (Brandenburg) lebt. Aber für viele Westler ist der Osten auch zehn Jahre nach der staatlichen Einheit terra incognita, kein Ausland, sondern eine innerdeutsche Sonderzone. Nur daraus sind die hysterischen Reaktionen auf den bis heute ungeklärten Tod des Sebnitzer Kindes Joseph Kantelberg-Abdulla zu erklären.

Offenbar gibt es in Deutschland nicht nur Ausländerfeindschaft im Osten, sondern auch Inländerfeindschaft im Westen (leider auch im Osten). Beide Aggressionen beruhen auf stabilen Vorurteilen, auf Unkenntnis und auf Sozialneid. Schon Anfang der fünfziger Jahre hat der Philosoph Rudolf Schottlaender in seiner Schrift "Theorie des Vertrauens" auf die Gefahr von Großgruppenhass verwiesen, er bezog es auf den Kalten Krieg. Der herrscht in Deutschland bis heute.

Statt rhetorischer Bratensoße zum 10. Jahrestag der Einheit hätten Politiker lieber eine kritische Bilanz ziehen sollen, warum das Land derart tief geteilt ist, warum für viele Bewohner zwischen Nordsee und Alpen die Regionen zwischen Rügen und Sächsischer Schweiz nicht dazugehören. Wer ausgrenzt, entlässt einen erheblichen Bevölkerungsteil in die Verantwortungslosigkeit. Daraus können soziale Konflikte für Jahrzehnte erwachsen. Ist es übertrieben, an Nordirland zu erinnern?

Während sich die deutschen Teilgesellschaften aneinander abarbeiten, haben Deutschlands Rechtsradikale längst zueinander gefunden. Ihrem destruktiven Verbund kann man nur "vereint" gegenübertreten. Zivilgesellschaft entsteht nicht von selbst, sondern durch Teilen, durch das Teilen von Erfahrungen und Kenntnissen, durch objektive und faire Mitteilung dessen, was im Lande geschieht.

Gleichzeitig müssen die Lebensverhältnisse im Osten weiter stabilisiert werden. Wenn jährlich zehntausende der intelligenteren und mobileren ostdeutschen Jugendlichen in den Westen gehen, vorm Mauerfall nannte man das flüchten, gibt es keinen Grund, diese Wanderbewegung als emanzipatorischen Saldo für das bessere Eigene zu verbuchen. Hans-Dietrich Genscher meinte, dass es dem Westen nicht gut gehen könne, wenn es dem Osten schlecht geht. Eine schlichte, aber wahrscheinlich zutreffende Feststellung. Wenn man sich jedoch nicht vereinen will, sollte man dann nicht lieber eine ehrliche Teilung versuchen wie in der Tschechoslowakei? Dann muss Ostdeutschland selbst mit seinen Rechtsradikalen fertig werden.

Bleibt es jedoch beim Einheitsdeutschland, sind öffentliche Ratschläge wie die der ARD-Moderatorin Petra Lidschreiber, in Brandenburg keine Pilze sammeln zu gehen, weil man vielleicht Rechte im Wald findet, ebenso pathetisch wie hilflos. "Geht doch nach drüben!", möchte man den zaghaften Aufrechten zurufen, sucht ostdeutsche Bundesgenossen gegen die Braunen. Sonst bleibt der von Gerhard Schröder ausgerufene Aufstand der Anständigen auch wieder nur verordneter Antifaschismus. Den hatte der Osten schon, als er noch rot war.

Detlev Lücke war bis vor kurzem Chefredakteur der Ost-West-Wochenzeitung "Freitag" und ist nun Leitender Redakteur der Wochenzeitung "Das Parlament".

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