Meinung : Die Rückkehr des Meteoriten

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Von Pascale Hugues

Edmund Stoiber war von Jacques Chirac in Paris bereits mit den sonst nur Regierungschefs vorbehaltenen Ehren empfangen worden und bekam den Orden der Ehrenlegion an sein bayerisches Revers geheftet. Frankreichs Politologen hatten die Federn gespitzt, um die Agonie der Grünen zu analysieren: eine „Generationspartei“ und ein abgenütztes Sprachrohr der greisen 68er Utopisten. Die „Generation Golf“ habe über die „Generation Gorleben“ triumphiert. Frankreichs Linke stimmte sich freudig darauf ein, die tröstende Krankenschwester zu spielen und die rot-grünen Cousins im Lager der Verlierer zu begrüßen, in das sie selbst sich nach der doppelten Niederlage bei den Präsidentschafts- und den Parlamentswahlen im Frühjahr still und leise zurückgezogen hatte.

Denn eine Gewissheit teilten alle in diesem Achterbahn-Wahlkampf in Deutschland: Die Grünen würden von der Macht verjagt. Ihr kraftvolles Comeback ist eine große Überraschung, ein Nasenstüber und zugleich eine Lehre der Bescheidenheit für Frankreichs Linke.

Die Mehrheit der Franzosen hatte diese kleinen Spinner, die die Protestbewegung der 70er Jahre nach oben gespült hatte, nie richtig ernst genommen. Ihr trotziger Pazifismus, ihr staubiger Feminismus nervte. Sie wirkten wie eine Sekte von moralisierenden Calvinisten, die das Leben nicht genießen können, und Fundis, die pathologisch davon besessen sind, den Müll zu trennen und in selbst gestrickten Pullovern auf Fahrrädern durch die sterbenden Wälder zu rasen. Was für ein exotisches Volk.

In Paris machte man sich kaum die Mühe, aus diesem Mischmasch die Klischees auszusortieren und runzelte die Stirn über das pubertäre Gehabe. Der Sprung der Grünen an die Macht wurde mit der kurzen Lebensdauer eines Meteoriten assoziiert.

Von einem Tag auf den anderen sind die Grünen zu Helden geworden. „Joschka Superstar“ titelte „Le Monde“. Der Gebrauch des Vorns drückt die Sympathie aus. Dominique Voynet, Chefin der französischen Grünen, verbeugte sich anhimmelnd vor dem „deutschen Wunder“.

Frankreichs gauche plurielle, die „vereinte Linke“, ist neidisch. Warum schaffen die das – und wir nicht? Sozialisten und Grüne ergreifen die Gelegenheit, wieder die Messer zu wetzen. Die Sozialisten loben Joschka dafür, dass wenigstens er die Harmonie mit der SPD bewahrt und Solidarität gezeigt habe – statt ständig mit der Faust auf den Tisch zu schlagen, als ob er noch in der Opposition sei. „Vom Chaos zur Kultur der Verantwortung“ beschreibt ein hoher Sozialist Fischers Wandel.

Die Grünen in Paris beklagen larmoyant, in Lionel Jospins Koalition seien sie nicht geliebt worden. Schröder hat seine Grünen ernst genommen und ihnen Raum gelassen, sagt Dominique Voynet mit Bewunderung dafür, dass die Grünen dem Atomausstieg, der Biolandwirtschaft und dem Zuwanderungsgesetz ihren Stempel aufgedrückt haben.

Der Triumph von Rot-Grün ruft die Niederlage der „vereinten Linken“ in Paris wach und erinnert sie an ihre Unfähigkeit, die Dissonanzen zum Schweigen zu bringen. Eine süße Rache für die deutschen Exoten!

Die Autorin schreibt für das französische Magazin „Le Point". Foto: privat

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