Meinung : Die Säkularisierung von Bethlehem

Robert Leicht

Wie weit ist es her mit unserer Säkularisierung? Doppelt gefragt: Wie weit sind wir wirklich säkularisiert? Und wie weit kommen wir mit dieser Säkularisierung - wie weit trägt sie uns; trägt sie überhaupt? Solche Fragen werden seit dem ominösen Datum im September fast in allen Zirkeln hin- und hergewendet. Neulich sagte sogar der Generalsekretär einer Partei, die das C nicht im Namen trägt, die Leute gingen seither nicht nur öfter in die Kirche, sondern stellten auch ernsthafter politische Fragen.

Übers Jahr werden wir sehen, was von diesen Diskursen wirklich übrig bleibt. Die Demoskopen können jedenfalls noch keine richtigen Ausschläge feststellen: Die Leute bleiben in ungefähr gleichen Anteilen fromm, agnostisch oder atheistisch. Aber vielleicht sind die Leute unter dem Eindruck der Schocks jetzt immerhin auf andere Weise atheistisch, agnostisch oder eben - fromm. Auch das wäre ja, auf den ersten Blick, schon etwas mehr als gar nichts.

Mehr Religiosität kann beides einschließen: eine größere Nachdenklichkeit und Offenheit für letzte Fragen - aber auch einen Hang zur kleingeistigen Beschränktheit auf erste Antworten. Auch jede seriöse Theologie ist ja ohne einen Schuss von Häresie kaum zu ertragen. Die reine Wahrheit ist bei den Hundertfünfzig-Prozentigen kaum zu finden: Überdosis ist kaum weniger schädlich als ihr Gegenteil. Also: Genau hinhören, aber auch genau nachfragen - das bleibt die Parole, wenn nicht aus der neuen Nachdenklichkeit eine Maske für alten Obskurantismus werden soll, für eine scheinfromme Kritiklosigkeit, auch im inter-religiösen Dialog. Religionskritik bleibt für immer das erste Geschäft jeder echten Theologie.

Deswegen wird auch nachzufragen sein, was denn mit der post-säkularen Gesellschaft wirklich gemeint ist: das angstvolle Zurückkriechen hinter die Risiken und Rätsel der Moderne - oder die mutige Überwindung aller Engführungen der schein-aufgeklärten Selbstverwirklichung? Haben wir es mit der Säkularisierung zu weit getrieben - oder sind wir gar zu kurz gesprungen?

Die christlichen Theologen hätten gerade zu diesen Fragen und zu dieser Zeit etwas ganz Prägnantes auszurichten: Die ultimative Säkularisierung hat längst stattgefunden - vor, ungefähr, 2001 Jahren. Denn was anders als eine unüberbietbare Säkularisierung, eine radikale Verweltlichung ist dies: Dass Gott sich zu einem Menschen macht, zu einem wehrlosen, heimatlosen, wohnungslosen Säugling, noch dazu von unehelicher Geburt? Dass er in einem Viehstall zum Vorschein kommt - statt in einem Palast oder Tempel. Und dass dies zuerst verwilderte Schafhirten begreifen, also Leute, die von keiner 630-Mark-Regelung je erfasst würden: Ausgesetzte, Ausgegrenzte.

Wir haben aus dieser Geschichte schon viel zu oft ein geistliches Schäferstündchen gemacht, um noch begreifen zu können, welchen Skandal sie damals bedeuten musste, als sie zum ersten Mal erzählt wurde: Gott verweltlicht sich, seinerzeit und für alle Zeit, in einer Antike (und Moderne), die alles daran setzt, die Welt, ihre Herrscher und Herrschaften, ihr Hab und Gut zu vergötzen.

Und heute? Wer neuerdings wieder von Religion oder von "post-säkularer Gesellschaft" reden möchte, täte gut, sich an dieser ersten und letzten Säkularisierung zu orientieren - an der Selbst-Verweltlichung, ja Selbst-Verwirklichung eines Gottes, der jeden Kultus der Macht und des Marktes, des Erfolgs und Ertrags, des Habens und Herrschens "entmythologisiert" und dafür nur dies kennt: Die Erniedrigung zu den Erniedrigten, zu den sozial oder seelisch Ausgebrannten. Der sich auf die Seite der Geschlagenen schlägt. Der von den weltlichen wie geistlichen Autoritäten, von Thron und Altar ausgegrenzt wird - bis zum Justizmord am Kreuz. Nur diese Erinnerung bewahrt uns davor, aus dem heutigen Diskurs in eine kuschel-religiöse Weltflucht auszubrechen.

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