Meinung : Die Schmerzen warten

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Beide Seiten drücken aufs Tempo – und haben doch Unterschiedliches im Sinn. Israels Premier Scharon möchte endlich den unruhigen Gazastreifen loswerden, politischen Ballast abwerfen, um sich bei dem anstehenden Verhandlungsprozess mit den Palästinensern auf seine Kernpunkte konzentrieren zu können. Der Gazastreifen gehört jedenfalls nicht dazu. Hier gibt es seit Jahren nur Ärger, hier wohnen etwa 7000 Siedler, die sich auf einem Viertel des überbevölkerten Territoriums festkrallen. Selbst für die religiösesten der religiösen Siedler haben diese Orte keinerlei biblischen Bezug. Sie aufzugeben ist allein Ergebnis politischer Vernunft und nicht – wie Scharon sich auszudrücken pflegt – Ergebnis „schmerzlicher Kompromisse“. Diese hat er alle noch vor sich. Denn die übrigen 97 Prozent der Siedler leben im Westjordanland. Hier befinden sich die jüdischen Gedenkorte, hier liegt die ideologische Wiege der religiösen Siedlerbewegung. Sein Gegenspieler Abbas wiederum weiß, dass die Palästinenser ihre Sache allein durch ein Ende der Gewalt politisch wieder flottbekommen. Nur dann kann er auf frische Rückendeckung der Weltgemeinschaft rechnen. Und nur dann kann er möglicherweise Scharon über den Gazaabzug hinaus ein so hohes politisches und diplomatisches Tempo aufzwingen, dass dieser gar nicht anders kann, als auch beim Westjordanland weitgehenden Kompromissen zuzustimmen. M.G.

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