Meinung : Die Schuldfrage

Für Eschede sind nicht nur die Angeklagten verantwortlich

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Von Dagmar Rosenfeld

Kirschbäume hat man in Eschede gepflanzt, direkt neben der Brücke, 101 an der Zahl: als Erinnerung an die 101 Menschen, die hier ums Leben gekommen sind. Eschede steht nicht nur für das größte Zugunglück der deutschen Nachkriegsgeschichte, sondern erschütterte auch die Technikgläubigkeit. Der ICE, ein Meisterwerk des Ingenieurskönnens, war die perfekte Synthese aus Schnelligkeit und Sicherheit – bis am 3. Juni 1998 der Intercity-Express Wilhelm-Conrad-Röntgen mit Tempo 200 an einer Brücke zerschellte. Die Ursache des Zugunglücks gilt mittlerweile als erwiesen: Ein Riss in den gummigefederten Radreifen ließ den ICE entgleisen. Und auch die Schuldigen scheinen gefunden zu sein: zwei Bahningenieure und ein Techniker des Radherstellers sitzen jetzt auf der Anklagebank. Diese drei Männer sollen verantwortlich sein für die Katastrophe von Eschede, für all die Toten und Verletzten, für das Leid der Hinterbliebenen. Und für das Versagen technischer Höchstleistung. Kann das ganze Unglück wirklich allein in dem Verantwortungsbereich von drei Menschen liegen?

Sicher, von einem Abteilungspräsidenten, einem technischen Bundesbahnoberamtsrat sowie einem Betriebsingenieur ist zu erwarten, dass sie bei der Einführung einer neuen Radreifentechnik Sicherheitsrisiken erkennen und abwägen. Ebenso, dass sie für eine Weiterentwicklung der technischen Kontrollen sorgen. Insofern muss das Lüneburger Landgericht den Vorwurf der fahrlässigen Körperverletzung und Tötung prüfen.

Sicher ist aber auch: allein verantwortlich sind die Angeklagten nicht. Da ist die damalige Führungsspitze der Deutschen Bahn, die wegen des hohen Geräuschpegels darauf drängte, das herkömmliche Radsystem abzuschaffen. Das Unternehmen entschied sich, für einen Radtyp, der in Fachkreisen für Hochgeschwindigkeitszüge umstritten und in Frankreich und den USA sogar verboten ist. Die Bahn lizenzierte sich das Radsystem selbst, das Unternehmen war seine eigene Aufsichtsbehörde - aus heutiger Sicht kaum mehr nachvollziehbar. Aber immerhin: Die Bahn hat den Wünschen ihrer Kunden Rechnung getragen. Denn die wollen möglichst schnell, bequem und günstig von A nach B kommen. Dabei kümmern sie sich wenig um die technischen Risiken der Hightechzüge. Bis etwas passiert. Dann wird nach Schuldigen gesucht.

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