Meinung : Die schwarze Null muss stehen

Der deutsche Fußball in den Zeiten der Knappheit

Helmut Schümann

Jedes Land hat den Fußball, den es verdient. Man kann die Gemeinsamkeiten rein sportlich suchen. Und dann war die deutsche Teilnahme am WM-Finale von Yokohama etwa so überraschend wie der rot-grüne Wahlsieg – und was danach kam in der Politik, fand seine Entsprechung in der Bundesliga: ähnlich zäh, ähnlich schmerzhaft, mitunter unansehnlich. Auch haben Deutschlands Kicker von der Champions League, von Europa also, einen Blauen Brief bekommen. Der Republik geht es schlecht, zumindest fühlt sie sich so, warum sollte es dem Fußball besser gehen?

Es ist nur so, dass sich der Fußball, dieses gesellschaftliche Luxussegment, bislang herzlich wenig um Wirtschaftsnot und Sparzwänge gekümmert hat. Geprasst wurde allerorten, selbst in 2002 mit seiner Kirch-Pleite leisteten sich der FC Bayern München und Bayer Leverkusen die teuersten Transfers ihrer Vereinsgeschichte. Aber das sind inzwischen Ausnahmen, Überbleibsel aus einer Zeit, in der das Geschäft mit dem Fußball die Phantasien noch mehr beflügelte als das mit der New Economy.

Die Liga speckt ab, je nach Finanzkraft der Vereine rigoros oder bedächtig. Energie Cottbus, sportlich und wirtschaftlich am Tabellenende, kürzt die Spielergehälter. Bayern München hingegen denkt gar nicht daran, betriebsbedingt an laufenden Verträgen herumzudoktern. Lediglich die neuen Abschlüsse werden nicht mehr so üppig ausfallen. Uli Hoeneß, der Bayern-Manager, offenbarte kürzlich, befragt nach der Solvenz seines Wurstfabrik, ein bemerkenswertes Unternehmertum. Er werde niemandem kündigen und wenn die Auftragslage mal nicht so rosig sei, dann verdiene er persönlich eben mal ein paar Wochen weniger. Der Mann wie der Verein können es sich leisten.

Das Gros der Klubs kann es nicht – und wenn es einer versucht, im großen Stile zu asen, wie der 1. FC Kaiserslautern in der Vergangenheit, dann mit Methoden, die den Staatsanwalt interessieren. Nicht einmal die konzerneigenen Betriebsmannschaften werden künftig in Saus und Braus leben, ob VW in Wolfsburg oder Bayer in Leverkusen, man wird genau abwägen, wie millionenschweres Sponsoring zu vereinbaren ist mit Betriebsschließungen und Kündigungen. Bescheidenheit wird Einzug halten in der Liga – und nichts ist daran traurig. Die alte Rechtfertigung für Verschwendung, sie sei notwendig, um international Schritt zu halten, zieht nicht mehr. Die europäische Konkurrenz, die gerade noch den deutschen Fußball-Standort so düpiert hat, ist nämlich zu weiten Teilen schon, was deutsche Vereine noch nicht sind: pleite. Die vermeintlichen Erfolgsgaranten, die Weltstars also, werden sich schon bald entscheiden zwischen bloß vielen virtuellen Millionen und etwas weniger reellem Geld, das dafür aber ausbezahlt wird. Das ist keine besinnliche Prophetie, das ist der freie Markt. Borussia Dortmunds Brasilianer Amoroso hat die Entscheidung schon so getroffen – nachdem er in Italien zu lange auf sein Gehalt gewartet hatte.

Es gibt aus dieser Halbsaison bereits ein paar hübsche Beispiele, wie auch ohne den ganz großen Wurf attraktiver, erfolgreicher und finanzierbarer Fußball anzubieten ist. Bei Werder Bremen, bei 1860 München und besonders beim VfB Stuttgart folgte auf den finanziellen Zwang die Vernunft. Gerade der VfB Stuttgart, in Jahrzehnten mit Großmannssucht niedergewirtschaftet, steht mit einem der kleinsten Etats der Liga und ohne eingekauften Star ganz groß da.

Es muss übrigens niemand Mitleid haben mit darbenden Fußballprofis. Selbst um zwanzig Prozent reduzierte Bezüge ändern am Lebensstandard eines solchen Profis nicht wirklich etwas. Die Krise ist da, sie hat auch den Fußball erwischt – und dennoch, es ist eine Krise auf hohem (Spiel-)Niveau.

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