Meinung : Die sind Deutschland

Erst steckte das Land in einer Krise, nun auch die Parteien – und die große Koalition

Lorenz Maroldt

Die Ausnahme wird zum Normalzustand, die Zeit der Gewissheiten ist vorbei. Ob sie wiederkommt? Wer weiß, eben drum. Was wurde nicht alles auf den Kopf gestellt in den vergangenen paar Wochen. Wer dem Kanzler vertraut, muss ihm das Misstrauen aussprechen, zum Beispiel. Damit begann es, jedenfalls begann es damit, offensichtlich zu werden. Hier stimmt etwas nicht, und zwar ganz gewaltig. Vorne ist hinten, oben ist unten. Ob es so weitergeht? Ist links bald rechts? Wer weiß.

Sicher ist nur noch, was war, nicht mehr, was wird. Bisher war es stets so, dass Koalitionsverhandlungen mit der Klärung der Themen begannen, das Personal kam zum Schluss, gerne auch ein wenig überraschend. Diesmal war es andersherum: Erst kam das Personal, dann die Themen. Und die sind noch nicht mal im Grundsatz geklärt, da geht es auch schon wieder ums Personal. Müntefering, Stoiber, auf wen ist noch Verlass?

Diese große Koalition ist die erste, die schon ihre zweite, dritte Krise erlebt, bevor es sie überhaupt gibt. Da wackelt das Gerüst schon stärker, als es der Sanierungsfall dahinter je wird. Du bist Deutschland? Lieber nicht, wenn es so regiert wird. Wenn es denn regiert wird. Seit dem 22. Mai ist jedenfalls davon nicht viel zu hören. Von anderem dagegen sehr viel mehr.

Zynisch zu sein fällt leichter als es sollte. Zynisch ist es, zu sagen: Hinter dem allem lässt sich doch auch etwas Gutes erkennen. Tatsächlich. So spannend war es selten bis nie. Vergesst Christiansen! Das echte Leben in der Politik ist doch viel besser. Authentischer. Zynisch ist es auch, zu sagen: So ist sie eben, die Demokratie. Die PDS beklagt sich, dass Lothar Bisky nicht Vizepräsident im Bundestag wird? Ja, wozu gibt es denn Wahlen? Müntefering gibt sein Parteiamt auf, nur weil der Vorstand seinen General nicht will? Soll er doch Diktator werden! Merkel wird von der eigenen Koalition nicht zur Kanzlerin – halt, so weit sind wir noch nicht. Aber nicht weit entfernt. Noch gibt es ja nicht mal eine Koalition.

Es wäre zu einfach, das Durcheinander mit einer einfachen Gleichung auflösen zu wollen. Große Koalition gleich große Disziplinlosigkeit, weil die Mehrheit breit ist und die eigene Stimme nicht so bedeutend? Das kommt allenfalls noch dazu. Was sich hier gerade an der Oberfläche ereignet, hat seinen Ursprung tief unten, an der Basis zweier, nein, dreier Parteien, die wissen, dass sie verloren haben, aber stets staunend ihren Vorsitzenden dabei zusehen müssen, wie sie fröhlich lächelnd ihre Worte von gestern verspeisen. Was interessiert sie ihr Geschwätz von gestern? Von Tag zu Tag zu Tag – nichts.

Der Bundespräsident hat seinem Land eine lebensbedrohliche Krise bescheinigt und in Neuwahlen den Ausweg gesehen. Die Krise der Politik hatte er nicht auf der Rechnung. Die Wähler hatten ja auch noch nicht bestellt. Köhlers Rede müsste heute ergänzt werden um die Worte: Wir erleben die schwerste Krise der Volksparteien, wie wir sie kennen. Das Vertrauen in sie ist tief erschüttert, sie vertrauen sich nicht mal mehr selbst. Wie auch? Sie wissen auch nicht mehr, wer sie sind, wie sie sein wollen, sein sollen. Außerdem erleben wir eine Regierungsbildung, die übler ist als unsere schlimmsten Träume vom Mai.

Die Koalition mag zustande kommen, aber gewiss ist das nicht. Sie mag auch halten, vielleicht. Aber sie ist jetzt schon vergiftet von der Sehnsucht nach Trennung. Und sie wird begleitet von zu vielen, die wie Hunde an der Kette zerren, die knurren und bellen, und die beißen, jeden, der in ihre Nähe kommt. Um Vertrauen haben sie gebeten. Das nächste Wort, das sie ruinieren, heißt: Verantwortung. Als Parteien, Fraktionen, Personen. Alles, was ist, ist wilder Aktionismus. Unberechenbar. Ungewiss.

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