Meinung : Die Spiele sind eröffnet: Noch stärker als Amerika

Wenn der Klassenbeste seinen großen Auftritt hat, schauen die anderen besonders kritisch zu. Wird die letzte Weltmacht Amerika in ihrer patriotischen Aufwallung nach dem 11. September die Olympischen Spiele für ein nationalistisches Spektakel missbrauchen? Wird es beim größten Fest der Menschheit eine feindselige Stimmung geben wie zu Zeiten der Ost-West-Konfrontation, als zum Beispiel bei den Sommerspielen von Los Angeles 1984 nur US-Athleten angefeuert wurden? Oder wird Olympia eher ein oberflächliches Kommerzspektakel, wie die "Coca-Cola-Spiele" von Atlanta 1996?

Aus den Händlerspielen werden wieder Heldenspiele, so viel scheint nach der Eröffnung schon klar zu sein. Doch es waren sympathische, menschliche Helden, die da am Samstagmorgen unserer Zeit vor Milliarden Fernsehzuschauern ins Rampenlicht traten. Eine Leni Riefenstahl, die das Idealbild vom muskelbepackten, blond-blauäuigigen Athleten lange über die Nazizeit hinaus prägte, hätte mit ihnen nichts anfangen können.

Mit großen Augen und fast kindlichem Blick sprach der amerikanische Skeleton-Rodler Jim Shea den Olympischen Eid. Der Skistar und Fackelläufer Phil Mahre zeigte stolz seine Glatze. Und die amerikanischen Eishockeychampions haben sich gemütliche Bäuchlein zugelegt. 1980, bei den Spielen von Lake Placid, hatte das College-Team die als unschlagbar geltenden Sowjets geschlagen. Jetzt entzündeten die Eishockeyspieler das Olympische Feuer.

Nun mag die Reminiszenz an das Miracle on Ice von 1980 Erinnerungen an den Kalten Krieg heraufbeschwören. Doch in der Rückschau auf das Eishockey-Wunder ist bei den Sportfans der Erfolg eines Außenseiters gegen einen großen Favoriten bestimmend. Nicht der seinerzeit - kurz nach dem sowjetischen Einmarsch in Afghanistan - zweifellos vorhandene politische Triumph. Ohnehin ist der Ost-West-Gegensatz gerade in dieser Sportart schon lange entschärft. Die besten Russen spielen seit Jahren Seite an Seite mit Amerikanern und Kanadiern in der National Hockey League in Nordamerika, die heute eine globalisierte Eishockey-Liga ist.

Vielleicht wäre die Symbolik dieses Moments aber noch überzeugender gewesen, wenn auch die Gegner von damals mit unter dem Olympischen Feuer gestanden hätten. Doch hier wäre das Abweichen vom Zeremoniell wohl zu einschneidend gewesen. Ohnehin war es das erste Mal, dass ein Kollektiv und kein einzelner Sportler das Feuer entzündete.

Das Konservative des Zeremoniells hat auch sein Gutes. Es hinderte George W. Bush daran, noch mehr zu sagen. Der Präsident fügte der festen Eröffnungsformel Patriotisches hinzu. Deshalb von einem Eklat zu sprechen, ist aber übertrieben. Bush sprach zwar von seiner "stolzen und entschlossenen Nation". Doch auch von der Dankbarkeit, die Amerika als Gastgeber der Spiele empfindet - Dankbarkeit wohl auch für die Solidarität nach dem 11. September.

Nationalismus im Sport ist keine amerikanische Erfindung. Unfaire, fanatische Zuschauer gab es schon bei den oft idealisierten Spielen der Antike. Und gerade in kleineren Ländern sind Sportzuschauer oft überzogen parteiisch. Das dürfte eher bei den Sommerspielen in Athen 2004 ein Problem sein als bei diesen Winterspielen.

In Salt Lake City wurden alle Athleten von den 56 000 Zuschauern der Eröffnungsfeier bejubelt, auch die aus Iran oder China. Egal, ob sie exotische Trachten trugen oder Bermuda-Shorts, wie der Athlet von den gleichnamigen Inseln, den auch zehn Grad minus nicht abschrecken konnten.

Wenigstens durften wir uns daheim im warmen Wohnzimmern etwas Schadenfreude gönnen. Gleich zu Beginn der Spiele gab es einen Schneesturm, der den ersten Wettbewerb der Skispringer verhinderte. Da kann selbst der Klassenbeste nichts machen.

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