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Meinung : Die spinnen, die Amis

08.01.2012 00:00 Uhrvon

Trotz Finanzkrise wollen sie keinen Sozialismus. Guantanamo wird nicht geschlossen. Eine Verschärfung der Waffengesetze lehnen sie ab. Und an Barack Obama hassen sie, was Europäer lieben. Wer soll das verstehen?

Die spinnen, die Amis!“, sagen viele in Europa, wenn ein Amokläufer in den USA wieder einmal unzählige Unschuldige erschießt, doch die Mehrheit dort eine Verschärfung der Waffengesetze weiter unbeeindruckt von sich weist.

„Die spinnen, die Amis!“, heißt es kopfschüttelnd in der Alten Welt, wenn ein amerikanischer Präsident den Mut hat, eine Krankenversicherung für alle Einwohner vorzuschlagen, aber rund die Hälfte der Bürger eine staatlich organisierte Solidarversicherung im Gesundheitswesen ablehnt.

„Die spinnen, die Amis!“, rief die halbe Welt, als die von der Wall Street ausgehende Finanzkrise andere Länder im Herbst 2008 mit in den Abgrund sog – und erst recht, als der US-Kongress die Verschärfung der Bankenaufsicht, die alle auf dem Höhepunkt der Krise gefordert hatten, auch in Amerika, schon 2010 wieder aufweichte.

„Die spinnen, die Amis!“ In dieser Einschätzung fühlen sich viele Deutsche und Europäer ganz aktuell bestätigt, wenn sie die Stimmung in den USA zu Beginn des Präsidentschaftswahljahrs verfolgen. Auch sie haben vieles an Barack Obama auszusetzen. Wollte er nicht das Lager für Terrorverdächtige in Guantanamo schließen? Am Mittwoch ist der zehnte Jahrestag der Inbetriebnahme – und ein Ende ist nicht absehbar. Er hatte eine Energiewende weg vom Öl und hin zu Sonne, Wind und anderen erneuerbaren Kraftquellen versprochen, ist aber daran gescheitert. Den Irakkrieg hat er beendet, aber dafür in Afghanistan aufgerüstet. Die völkerrechtlich fragwürdigen Drohnenangriffe auf mutmaßliche Feinde Amerikas in Pakistan, im Jemen und anderswo haben sich unter ihm vervielfacht. Es gibt Grund zur Enttäuschung. Insofern können Deutsche verstehen, dass 50 Prozent der Amerikaner unzufrieden mit ihrem Präsidenten sind und ihn nicht wieder wählen wollen.

Doch was wollen sie stattdessen? Etwa die Republikaner zurück? Deren Glaube an die freien Marktkräfte, die der Staat weder durch Regeln noch Aufsicht zähmen soll, hat die USA in die Krise geführt! Die Konservativen fordern noch mehr Militär, nicht weniger. Ihre Präsidentschaftsbewerber reden verächtlich über Europa, verteufeln seine Sozialsysteme als „Sozialismus“ und loben Amerika als „auserwähltes Land“, dessen Bevölkerung allen anderen Nationen überlegen sei. Das klingt nicht nur arrogant, sondern gefährlich.

Im Vergleich wirkt Obama trotz seiner Fehler geradezu moderat. Zumindest erscheint er als das kleinere Übel. 70 Prozent der Deutschen unterstützen ihn und seine Politik. In Amerika jedoch ist seine Wiederwahl fraglich. Und bei der parallelen Kongresswahl dürfen die Republikaner hoffen, zusätzlich zu ihrer Mehrheit im Abgeordnetenhaus auch die im Senat zu erobern. Wie soll man das verstehen angesichts der Bilanz republikanischer Politik und ihrer mehrfachen Versuche, 2011 die Regierung lahmzulegen?

„Die spinnen, die Amis!“ Da hat jede und jeder seine bzw. ihre Lieblingsbeispiele, je nach persönlichen Vorlieben, vom Umgang mit Energie bis zur Todesstrafe, von der Größe der Autos und Kühlschränke bis zum Einsatz militärischer Gewalt, von der Ölpest im Golf von Mexiko und anderen menschengemachten Umweltkatastrophen bis zum Spott über die XXL-Formate der Kaffeebecher, Trippleburger und T-Shirts. Denn das ist ja das Interessante und Verblüffende: Jeder hat eine Meinung zu den USA, unabhängig davon, wie viel sie oder er über das Land und seine Bewohner weiß. Bei Brasilien, China, Indien, Japan, Korea, Russland oder Südafrika würden viele Europäer vor einem raschen Urteil zurückscheuen. Vielleicht weiß man’s ja doch nicht so genau. Nicht so bei Amerika. Da fühlen sich nahezu alle zu einem klaren Urteil berufen – und dieses Urteil fällt, je nach Weltanschauung, geradezu begeistert oder ziemlich skeptisch bis ablehnend aus, in Deutschland zumeist Letzteres.

Dass die Amis spinnen, habe auch ich oft gedacht, bevor ich mit meiner Frau 2005 nach Washington zog, um eine neue Aufgabe als Korrespondent des Tagesspiegels zu übernehmen. In den annähernd sieben Jahren, die wir nun in den USA leben, habe ich einiges besser verstehen gelernt – aus eigenem Erleben, aus unzähligen Gesprächen mit Amerikanern und aus den Erfahrungen meiner Frau. Sie arbeitet in der medizinischen Forschung in den National Institutes of Health (NIH): unter Amerikanern mit einem amerikanischen Arbeitsvertrag und einer amerikanischen Krankenversicherung. Dabei haben wir Einblicke in den Alltag amerikanischer Familien sowie in die Köpfe und Herzen gewonnen, die anderen Ausländern ohne solche Zugänge verschlossen bleiben.

Wer im Ausland lebt, lernt aus der Ferne auch das eigene Heimatland besser kennen. Er beginnt zu vergleichen: Warum regeln die Deutschen ihre Krankenversicherung und ihre Finanzaufsicht, ihre Energieversorgung und den Klimaschutz, ihre Waffengesetze und ihr Strafsystem anders? Was sind die Vor- und Nachteile hier wie dort? Grenzen des Verständnisses für die USA bleiben dennoch. Auch heute halte ich manches, was Amerikanern selbstverständlich erscheint, für absurd. Oder für Ideologie. Doch das Ausmaß dieser blinden Flecken, die sich der pragmatischen Erklärung entziehen, ist kleiner geworden.

Und auf einmal spinnen nicht mehr nur die Amis. Mitunter erwische ich mich bei dem Gedanken: „Die spinnen, die Deutschen!“ Den meisten Korrespondenten geht es ähnlich. Mit der Zeit entdecken wir immer mehr gute Seiten am Alltag und den Lebenseinstellungen der Amerikaner. Und finden im Vergleich manche deutsche Haltungen und Sitten fragwürdig. Worauf gründet sich, zum Beispiel, der deutsche Glaube an die Allzuständigkeit des Staats? Warum geben Bürger ihr Mitgestaltungsrecht so gerne an anonyme Behörden ab? Theater und Museen gibt es auch in den USA zuhauf, und viele sind sogar besser als in Deutschland, obwohl sie nicht von staatlichen Subventionen leben, sondern von den freiwilligen Zuwendungen der Bürger und der Wirtschaft. Die Gastfreundschaft und die Hilfsbereitschaft gegenüber Fremden nötigen Respekt ab. Den Stolz auf ihr politisches System und die Begeisterung, mit der sich Amerikaner alle vier Jahre in den Präsidentschaftswahlkampf stürzen, würden wir uns für Deutschland wünschen. Amerikaner zeigen weniger Sozialneid und mehr Respekt vor anderen Meinungen. Im Vergleich mit der in Deutschland verbreiteten Bedenkenträgerei, dass dieses oder jenes sowieso nicht funktionieren könne, wirkt die zupackende „Can-do“-Mentalität oft höchst erfrischend. Und zudem konstruktiver. Gewiss, sie hat auch ihre Schattenseiten – wenn über dem ansteckenden Optimismus die berechtigte Skepsis (zum Beispiel beim Demokratieexport per Militärintervention) oder gewisse Sicherheitsvorkehrungen (zum Beispiel auf Ölplattformen oder in Atomkraftwerken) zu kurz kommen, mitunter mit dramatischen Folgen. Überall „Tretminen“ wie in Berlin – das gibt es hier nicht. Jeder, der den Hund Gassi führt, hat ein Plastiksäckchen dabei, sammelt den Kot ein und trägt ihm zum Mülleimer.

Auf viele Neuankömmlinge aus Deutschland wirkt Amerika im Alltag lebenswerter und liebenswerter, als sie sich das aus der Ferne vorstellen konnten. Zu Einwanderern werden nur wenige. Bei aller Faszination an der neuen Welt bleiben die meisten im Herzen und in ihren Grundüberzeugungen Deutsche. Und Europäer. Aber die neuen Erfahrungen machen die Wanderer zwischen beiden Welten zu Kulturvermittlern. Wenn es in Deutschland wieder mal heißt, „Die spinnen, die Amis!“, fühlen sie sich herausgefordert, Hintergründe und Motive für amerikanische Haltungen zu erklären, die von der anderen Atlantikseite gesehen irrational anmuten.

So ist auch dieses Buch entstanden: aus den Begegnungen mit mehr als zehntausend Deutschen bei den Vortragsreisen in den Jahren 2007 bis 2011, bei denen ich meine Biografien über den Präsidenten und die First Lady vorstellte: „Barack Obama. Der schwarze Kennedy“ und „Michelle Obama. Ein amerikanischer Traum“. Immer wieder mündeten die Fragen – anfangs zu den Erwartungen an Obama, später zum Verlauf seiner Präsidentschaft – in der Bitte, zu erklären, warum Amerikaner in so vielen Bereichen „anders ticken“ als die Deutschen. Warum stößt die allgemeine Krankenversicherung auf so viel Widerstand? Warum gelingt es ihm nicht, Guantanamo zu schließen? Warum beschimpfen ihn so viele Amerikaner als „Sozialisten“? Und warum hassen sie oft gerade das, was wir an ihm lieben?

Viele hatten gehofft, dass Obamas Amerika sich von Bushs Ideologie abwendet und europäischer wird. Das ist nicht eingetreten. Und so hat seine Präsidentschaft die Unterschiede im Denken über die Rolle des Staats und der Bürger, über soziale Gerechtigkeit und Eigenverantwortung, Privatwirtschaft und gesellschaftlichen Zusammenhalt in besonderer Weise sichtbar gemacht. Die Gesellschaftsordnung der USA – Demokratie, Marktwirtschaft, Rechtsstaat – sieht auf den ersten Blick wie eine Kopie Europas aus. In vielen Dingen fühlen und denken Amerikaner aber ganz anders als wir.

Die Auswanderer nach Amerika haben ihre Republik in Abkehr vom europäischen Obrigkeitsstaat gegründet. Von der Regierung erwarten die meisten Bürger auch heute wenig. Sie gilt als ein unvermeidliches Übel. Überhöht wird dagegen die Freiheit der Individuen, selbst zu entscheiden.

Dieser Reflex ist der Grund, warum so viele Amerikaner Obamas Gesundheitsreform ablehnen. Auch in den USA meint die erdrückende Mehrheit, dass jeder Mensch eine Krankenversicherung haben sollte. Sie finden es aber falsch, dass die Regierung das vorschreiben möchte. Nach ihrem Ideal soll jeder selbst entscheiden dürfen, ob er sich versichert oder nicht. Wer zu arm ist, um die Prämien zu bezahlen, der soll Zuschüsse bekommen. Für Deutsche ist die Krankenversicherung eine Frage sozialer Sicherheit – für Amerikaner eine Freiheitsfrage.

Auch das in Deutschland gängige Bild, die Solidarität mit den Schwächeren sei in den USA unterentwickelt, bekommt Risse, wenn man Amerika im Alltag erlebt. Solidarität wird dort von Mensch zu Mensch praktiziert, nicht über einen Sozialstaat, der Rechtsansprüche gesetzlich festlegt. Vieles funktioniert besser, als man nach deutschen Denken erwarten dürfte. Zum Beispiel werden viel mehr Kinder geboren als in Deutschland, obwohl es weder den deutschen Schwangerschaftsschutz noch die Finanzhilfen für junge Eltern gibt. Wenn im Institut meiner Frau mal wieder eine der Kolleginnen schwanger war, fragten viele, wie das in Deutschland geregelt sei – und schüttelten dann verwundert den Kopf über die deutschen Vorgaben. „Was geht das den Staat an, ob ich ein Kind haben möchte und wie ich das finanziere. Das ist doch Privatsache“, war die übliche Reaktion.

Beim „Baby Shower“ spenden Arbeitskollegen großzügig für die Babyausstattung. Als Carol im sechsten Monat schwanger war, gab es medizinische Komplikationen, und der Arzt riet, sie solle zu Hause bleiben. Wie geht das ohne Schwangerschaftsschutz und ohne das Gehalt zu verlieren? Arbeitskollegen spendeten Urlaubstage. In der Summe reichten sie, damit Carols Gehalt weitergezahlt wurde, obwohl sie nicht zur Arbeit erschien.

So ist das in vielen Bereichen: Schwimmbäder, Spielplätze und kommunale Büchereien leben von Zuwendungen der lokalen Firmen und der Bürger. Kirchengemeinden finanzieren sich ohne Kirchensteuer, allein aus den Kollekten ihrer Mitglieder. Amerikaner tun das nicht, weil die staatlichen Mittel leider nicht ausreichen. Sie glauben, dass die Eigeninitiative der Bürger die bessere Organisationsform ist. Sie wird nicht als Notbehelf betrachtet, sondern als das eigentliche Ideal.

Christoph von Marschall liest aus seinem neuen Buch („Was ist mit den Amis los? Warum sie an Barack Obama hassen, was wir lieben“, Herder Verlag, Freiburg 2012, 18,99 €) in den Jurten im Berliner Sony Center am kommenden Freitag um 14 Uhr, am Samstag um 13 Uhr und am Sonntag um 17 Uhr. Über den Ausblick auf Amerikas Wahljahr 2012 diskutieren US-Botschafter Philip D. Murphy und Ex-Außenminister Frank-Walter Steinmeier mit ihm am Mittwoch, 18. Januar, um 19 Uhr beim Tagesspiegel (Anmeldung erforderlich).

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