Meinung : Die Sprache als Spiegel

Stephanie Ringel

Kann man dieser jungen Frau nahe kommen? Wenn überhaupt, dann wohl nur über ihre eigenen Worte. Denn alle Vermutungen über Natascha Kampusch zerstörte sie selbst – lächelnd und souverän – in vierzig Minuten. Ist sie Opfer? Nein, keines der Medien, dafür blickte sie zu selbstbewusst in die Kamera. Ist sie Kind geblieben? Nein, dafür drückte sie sich viel zu gewählt aus. Ist sie ein „normaler“ Teenager? Dafür wirkten Worte wie „Defizit“ oder „Paranoia“ und Phrasen wie „labile Persönlichkeit“ oder „klaustrophobische Zustände“ zu einstudiert. Als Zustandsbeschreibungen mögen sie medizinisch korrekt sein, aber sie klangen wie aus dem Fremdwörterlexikon auswendig gelernt.

Sprache, so heißt es, ist eines der wichtigsten Elemente zur emotionalen und sozialen Kommunikation. Gemäß „Du bist, wie Du sprichst“, verrät uns Kampusch eines über sich: viel Gefühl – für Sprache und für sich selbst. Statt „Raum“ sagt sie „Verlies“, denn das klinge besser, und die deutsche Sprache biete eben nicht mehr Möglichkeiten. Vokabeln aus dem aktuellen Teenie-Talk entschlüpfen ihr nicht. Kein „das war krass“ oder – verächtlicher – „das war ätzend“. Stattdessen beschreibt sie ihre Gefangenschaft so: „Es war eine furchtbare Zeit.“ Damit ist sie viel näher an einem der wohl stärksten Gefühle ihres achtjährigen Martyriums – der Furcht. Sie hat kein Repertoire von „cool“, „supergut“ oder gar „echt geil“. Ihr genügt ein simples, fast literarisches „Glückliche Erinnerungen waren immer in mir“. Teenagersprache ist ein Mittel zur Abgrenzung gegen die Erwachsenen und Symbol für die aktive Zugehörigkeit zu einer Gruppe von Gleichaltrigen. Sie hilft, einen neuen, einen eigenen Ausdruck zu finden. Kampusch war das verwehrt. Hörbar durfte sie keine rebellische Jugendliche sein.

Dafür spricht sie in Bildern, die einem den Atem rauben und das Herz zum Rasen bringen: „Ich träumte davon, ihm den Kopf abzuhacken.“ Sieben Worte für acht Jahre Leiden. Oder: „Ich habe sozusagen mit meinem späteren Ich einen Pakt geschlossen, dass es kommen würde und das kleine zwölfjährige Mädchen befreien.“ Sie bewegt sich damit in der Bilderwelt der Märchen. Bei Dornröschen und Aschenputtel und Co. helfen immer gute Mächte. Mal ein Prinz, mal eine Fee. Im Fall von Natascha Kampusch rettet sie sich selbst. Zunächst mit Hilfe einer älteren imaginierten Retterfigur, dann in der Wirklichkeit, als sie die Sekunde der Unaufmerksamkeit von Wolfgang Priklopil zur Flucht nutzt.

Doch Natascha Kampusch kann auch trocken, fast bürokratisch sein. Dann stellt sie kurze Sätze in den Raum: „Ich will zuerst meine Bildung komplettieren“, „Ich habe ihn dazu genötigt, das mit mir zu feiern“, oder „Was ich dann auch erledigt habe, obwohl ich so viel zu tun habe“. In diesen Momenten kommt ihr Wille zum Vorschein. Ein „Ich lass mir nichts vorschreiben“ und „Ich mache was ich richtig finde“. Viel zu früh war sie auf sich allein gestellt. Kein Wunder, dass sie auch trotzig, ja hart wurde.

Ihr bewegender TV-Auftritt lehrt uns, zukünftig mit unserem Urteil zurückhaltender zu sein. Offenbar haben acht Jahre emotionale Folterkammer aus ihr kein Häufchen Elend gemacht. Es ist falsch, vom Umstand auf die Person zu schließen.

Die Autorin ist Redakteurin beim Magazin SIE+ER, Zürich.

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