Meinung : Die steinerne Spur der Geschichte

Mit dem Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche siegt eine Idee

Hermann Rudolph

Es ist die Stunde des Es-ist-vollbracht, obwohl die letzten Gerüste erst Ende Juli fallen werden. Aber mit dem Aufsetzen von Turmhaube und Turmkreuz hat der Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche sichtbar sein Ziel erreicht – und eine erstaunliche, bewegende und ermutigende Geschichte ihren vorläufigen Abschluss. Denn der Wiederaufbau dieser Kirche ist nicht nur eine beeindruckende Bauleistung. Dieser Aufbau, der eigentlich eine Wiedergeburt aus Trauer, Trümmern und Trotz ist, ist auch ein Exempel für Tugenden und Erfahrungen, die kostbar sind. Mit ihm hat sich eine Gesellschaft selbst ein Beispiel gegeben.

Tatsächlich hat hier, in Dresden, etwas stattgefunden, das in einem Maße von tieferer Bedeutung strotzt, das es einem den Atem verschlägt. Das Kirchengebäude selbst in seiner merkwürdigen Fleckenhaftigkeit: Folge der Trümmersteine, die in den Bau eingefügt wurden, exakt an den Stellen, an denen sie sich einst befanden. Das Kreuz: die Arbeit eines englischen Kunstschmieds, dessen Vater als Bomberpilot an der Zerstörung Dresdens beteiligt war. Die Arbeit der vergangenen zehn Jahre: Zeugnis für die mobilisierende, von niemandem für möglich gehaltene Kraft, die dieser Bau entfaltet hat. Sie hat, in einer großen gemeinschaftlichen Anstrengung, an der Tausende von Spendern und Förderkreisen beteiligt waren, 92 der rund 132 Millionen hohen Baukosten erbracht.

Aber die Wiedererrichtung der Frauenkirche ist auch eines der erfolgreichsten Kapitel aus der Geschichte der Wiedervereinigung. Denn deren Kind ist sie: Noch im November des großen Umbruch-Jahres keimte der Gedanke, dem zu DDR-Zeiten nicht ernsthaft nahe zu rücken war. Im Februar 1990, noch ganz in der Euphorie von friedlicher Revolution und sich abzeichnender Vereinigung, erging jener „Ruf von Dresden“, der dann ein so erstaunliches Echo fand. Zu dieser Seite des bestandenen Abenteuers zählt aber auch die massive Unterstützung des Unternehmens aus den alten Bundesländern. Ohne deren Anteilnahme wäre das Werk nicht gelungen. Insofern ist die Frauenkirche ein Leuchtturm des Gelingens in jenem Aufbau Ost, der oft nur als Endlos-Epos von Kümmernissen in Erscheinung tritt.

Doch der alt-neue Kuppelbau steht noch für mehr. Seine symbolhafte Wirkung ist nicht zu bemessen ohne die Symbolik, die die Zerstörung Dresdens nach dem Krieg gewonnen hat. Das gibt der Anteilnahme der Fördervereine in England, Amerika und Frankreich den bedeutenden Rang und macht die Wiedererrichtung der Frauenkirche zu einem großen Zeichen der Versöhnung. Aber die Kirche spricht eben auch für das Vermögen einer Gesellschaft, sich mit sich selbst zu versöhnen, sich aus Zerknirschung und Resignation zu befreien und sich an einem schwierigen Vorhaben zu beweisen.

Denn in dem Bau, der nun wieder dem Dresdner Stadtbild den Mittelpunkt gibt, steckt auch ein wichtiger kollektiver Lernprozess. Es gab nicht nur viele, die an das Vorhaben nicht glaubten. Viele waren auch überzeugt davon, dass die Ruine, die offene Wunde, das bessere Erinnerungs- und Versöhnungszeichen gewesen wäre. Und hat die Wiederherstellung eines alten Baues, an dem fast alles neu ist, der das im Kriege untergegangene schöne Bild der Stadt nur nachstellen kann, nicht etwas Fragwürdiges? Der Wiederaufbau der Frauenkirche setzt gegen diese Zweifel die Erinnerungs- und Verständigungskraft der geheilten Wunde.

Denn die Vergangenheit verdrängt die Frauenkirche nicht. Aber sie stellt gegen sie den Willen zur Wiederherstellung, in seiner wörtlichsten Gestalt. Dieses große Werk des Barock, dieser legendäre Kirchenbau, steht in seiner schönen, hohen Gestalt für den Sieg einer Idee, die eine Gesellschaft erfasst hat. Oder doch erstaunlich viele in ihr. Ein Sieg der viel beredeten Zivilgesellschaft also? Jedenfalls ein Grund zu Freude und Dankbarkeit.

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