Meinung : Die Stellvertreter

Äthiopien und Eritrea sind längst wieder im Kriegszustand – diesmal in Somalia

Sebastian Bickerich

Dass der Feind meines Feindes mein Freund ist, ist eigentlich eine arabische Weisheit. Am Horn von Afrika ist sie zu einer Art universalem Politikinstrument geworden – zu besichtigen im teuren, blutigen und politisch sinnlosen Krieg in Somalia.

Auf der einen Seite nehmen sich die USA das Leitmotiv zu Herzen und unterstützen Äthiopien in seinem Invasionskrieg in Somalia. Seit Jahren lastet das Scheitern der dortigen US-Interventionstruppe Anfang der 90er Jahre Washington auf der Seele – nun, nach massivem Werben Äthiopiens, ist der Moment gekommen, an dem Washington wieder auf der Seite der Sieger stehen will. Anders als im Krieg zwischen Somalia und Äthiopien 1976 unterstützen die USA jetzt Addis Abbeba – um ein Ausbreiten des Islamismus in der Region zu verhindern, wie es offiziell heißt.

Auf der anderen Seite spielt Eritrea eine dubiose Rolle in dem Konflikt. Seit Monaten liefert das praktisch bankrotte Land Waffen und Kriegsgerät an die islamischen Milizen, die in den vergangenen Monaten in Somalia erstmals seit über 15 Jahren wieder so etwas wie staatliche Strukturen geschaffen haben – gewiss auch mit fragwürdigen Mitteln. Doch um Stabilität in Somalia geht es Eritrea nur am Rande. Wichtiger ist es, den verhassten Nachbarn Äthiopien militärisch zu schwächen, um sich eines Tages für die Niederlage im Grenzkrieg im Jahre 2000 rächen zu können.

Auf der Strecke bleibt bei solchen Sandkastenspielen die Bevölkerung Somalias. Die steht nun vor einem blutigen Häuserkampf in der Hauptstadt Mogadischu – und vor der Rückkehr der Warlords und Piraten, die Land und Küsten der Region jahrelang verunsichert haben.

Was Beobachter des Kriegsgeschehens besonders fassungslos macht, ist die einseitige Parteinahme des Westens in dem Konflikt. Damit entziehen sich etwa die in der Region noch immer einflussreichen Franzosen und Briten der Möglichkeit, sich als unabhängiger Vermittler einzuschalten. Stattdessen fallen auch sie auf die Rhetorik „christliches Äthiopien gegen islamistisches Somalia“ hinein – und legitimieren damit nicht nur den aus territorialen Machtinteressen Äthiopiens entfesselten Einmarsch, sondern beschwören auch ein Eingreifen islamistischer Kämpfer von außen in die Region. Schon jetzt geht in Addis Abbeba die Angst vor Selbstmordattentaten um.

Deutschland, das im Rahmen der Operation „Enduring Freedom“ vor der Küste des Landes mit einem Flottenverband vertreten ist, hat sich bislang aus dem Konflikt herausgehalten, unterstützt hinter vorgehaltener Hand aber die euphemistisch „international anerkannt“ genannte äthiopische Marionettenregierung Somalias.

Mit dieser einseitigen Parteinahme sollte jetzt Schluss sein. Verteidigungsminister Jung kann an einer Verwicklung in einen weiteren Bürgerkrieg mit eigenen Truppen vor der Türe kaum ein Interesse haben – ebenso wenig an der Aufgabe der Neutralität Deutschlands als möglicher Vermittler, übernimmt Berlin doch Anfang Januar die G-8- und die EU-Ratspräsidentschaft.

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