Meinung : Die Stellvertreter

Bei den deutschen Bischöfen gewinnen konservative Papstfreunde immer mehr an Einfluss

Claudia Keller

Der See Genezareth ist weit weg von Oberschwaben. Vergessen die Tage, als die deutschen Bischöfe einträchtig zu den heiligen Stätten pilgerten. Kaum waren die Mixas, Lehmanns und Wetters wieder zu Hause, gingen die innerkirchlichen Auseinandersetzungen weiter. Aus der Frühjahrsvollversammlung im süddeutschen Kloster Reute heraus drischt Bischof Mixa auf die Familienministerin ein, die liberaleren Kollegen sind sauer, Kardinal Lehmann vermittelt.

Nur vordergründig dreht sich der Streit um die Frage, wer in den deutschen Familien die Hoheit über die Kinder hat: Mütter, Väter oder Erzieherinnen in den Krippen. Eigentlich geht es darum, wer in der Deutschen Bischofskonferenz die Hoheit hat: die konservativen Bewahrer oder die Kompromissbereiten, die sich mit dem neuen Pragmatismus in der Gesellschaft anfreunden können. Es scheint, als sei die Auseinandersetzung bereits entschieden – zugunsten der Konservativen.

Noch vor zehn Jahren waren die deutschen Bischöfe in Rom als Abtrünnige verschrien. Regelmäßig hagelte es Abmahnungen. Dazu gibt es heute nicht mehr viel Grund. Die Deutschen beschneiden die Rechte der Laien heute selbst (Bischof Müller, Regensburg), sehen zu, dass die Annäherung an andere Religionen nicht zu weit geht (Bischof Meisner, Köln), liebäugeln mit der alten Tridentinischen Messe (Bischof Hanke, Eichstätt) oder streiten für ein Familienbild aus dem 19. Jahrhundert.

Unter den 27 Ortsbischöfen sind mittlerweile die in der Minderheit, die noch vom Zweiten Vatikanischen Konzil beflügelt sind, als die katholische Kirche das Fenster zur modernen Gesellschaft aufgestoßen hat. Wurden Bischofsstühle in den vergangenen Jahren neu besetzt, dann oft mit eher konservativen Klerikern. Wer von ihnen seine Ansichten hinausbrüllt, hat es außerdem einfacher als früher, weil die potenziellen Gegner mit Finanzkrisen beschäftigt sind und sich gar nicht erst trauen, den Mund aufzumachen.

Der deutsche Papst zumal, der gegen die „Diktatur des Relativismus“ kämpft, ermuntert keinen, Kompromisse mit den Brüchen des modernen Lebens zu suchen. Dass Kardinal Lehmann, der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Benedikt duzt, bedeutet nicht, dass er einen einfachen Zugang zu ihm hätte. Es ist zu hören, dass Kardinal Meisner, der konservative Konkurrent aus Köln, viel öfter in Rom willkommen ist.

In manchen Bereichen ist die konservative Linie der Bischöfe freilich schon wieder progressiv, etwa in der Sozial- oder Ausländerpolitik. Was die Familienpolitik angeht, wird auch Bischof Mixa den pragmatischen Konsens nicht auflösen können. Vielleicht werden selbst die Konservativen einmal zum Anwalt von Kinderkrippen werden. Dass sie einmal für Menschenrechte kämpfen würden, hätten sich Katholiken vor hundert Jahren schließlich auch nicht träumen lassen.

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