Meinung : Die Strategie der Bilder

Die Bilanz ist gut, die Stimmung schlecht – das US-Militär gerät unter Druck

Malte Lehming

Bilder bewegen, Bilder sind nah, Bilder sind stark. Nur wenige Tage, nachdem die Irak-Invasion begonnen hat, wird plötzlich wieder klar, was Krieg bedeutet. Vergessen sind all die wohlklingenden, abstrakten Begriffe wie Präzisionswaffen, Schock und Ehrfurcht, Befreiung, Demokratisierung, glorreicher Sieg, Neuordnung des Nahen Ostens. Stattdessen sind unschuldige Opfer zu sehen, Tragödien durch „friendly fire“, Kriegsgefangene, Tote, Verletzte, weinende Kinder, verzweifelte Flüchtlinge. Selbst Kriegsbefürworter beschleicht das Gefühl: Es läuft nicht gut. Läuft es nicht gut?

Das ist eine Frage der Perspektive. Die US-Militärführung gibt sich gelassen. Nach knapp einer Woche stehen die amerikanisch-britischen Truppen vor den Toren Bagdads. Sie haben das halbe Land durchquert, sind Hunderte von Kilometern gefahren. In einigen Gegenden war der Widerstand heftiger als erwartet, doch insgesamt ist eher Erleichterung als Beklemmung zu spüren. Es gab bislang keinen Einsatz von biologischen oder chemischen Waffen, keine Flüchtlingswelle, keine humanitäre Katastrophe. Die Zahl der angezündeten Ölfelder ist minimal, weder wurden Brücken gesprengt, um den Vormarsch aufzuhalten, noch Dämme eingerissen und weite Gegenden überflutet. Aus Sicht des Pentagons ist das keine schlechte Bilanz.

Dennoch ist vielen Amerikanern mulmig zumute. Das liegt auch daran, dass zu rosige Hoffnungen geweckt worden waren. Dieser Optimismus rächt sich jetzt. Was war nicht alles prophezeit worden! Die Schiiten im Südirak würden den US-Jungs zujubeln, große Einheiten des Gegners desertieren, die Führung um Saddam Hussein sei isoliert. Im Rahmen der größten Psycho-Kampagne in der amerikanischen Geschichte waren mehr als 25 Millionen Flugblätter über dem Irak abgeworfen worden. Unterstützt wurden die Kapitulationsaufforderungen von US-Radiosendern und E-Mail-Botschaften an die irakische Armeeführung. Hat das etwas genützt? Die ersten Zweifel stellen sich ein.

Ist vielleicht sogar die Strategie verkehrt? Die beiden obersten Kriegsziele sind der Sturz Saddam Husseins und die Minimierung von Ziviltoten. Das ist ambitioniert. Denn die Invasionsmacht hat nur ein Drittel des Umfangs von der vor zwölf Jahren, als das kleine Kuwait befreit wurde. Anders als damals – und auf dem Balkan und in Afghanistan – ist der Gegner diesmal nicht durch wochenlanges Bombardement mürbe gemacht worden. Hat Amerika genug Soldaten mobilisiert? Diese Frage wird bereits offen diskutiert.

Solche Stimmungen muss die US-Regierung berücksichtigen. Demokratien sind an sich schon im Kriegsfall nicht sehr belastungsfähig. Die Öffentlichkeit will schnelle, unblutige Erfolge und den Glauben, moralisch das Richtige zu tun. Das macht sie ungeduldig. Beispiele dieser Ungeduld finden sich vom letzten Golfkrieg über Kosovo bis Afghanistan zuhauf. Warum dauert das so lange? Müssen wirklich so viele Raketen abgeschossen werden? Regelmäßig haben sich solche Zweifel nach kurzer Zeit in den Vordergrund gedrängt. Je medialer ein Krieg, desto unruhiger die Bevölkerung. Dieser Irak-Krieg ist der medialste, den es je gab. Das macht ihn riskant, weil in hohen Maße stimmungsanfällig.

Dadurch wird, so paradox es klingt, am stärksten die irakische Zivilbevölkerung gefährdet. Wenn sich der Krieg in die Länge zieht, die Heimatfront bröckelt, und die Amerikaner ihrer Regierung die Unterstützung entziehen, wird der Druck auf die US-Armeeführung wachsen, schneller und damit rücksichtsloser vorzugehen. Das wäre fatal. Doch was wäre die Alternative? Ein ungeordneter Rückzug? Wer darauf setzt, ist naiv. Die US-Administration ist fest davon überzeugt, dass Schwäche den Terrorismus nährt. Die Amerikaner sind dekadent, man kann sie besiegen: Sollte diese Botschaft im arabischen Raum ihr Echo finden, würde Al Qaida triumphieren.

Bilder sind manchmal stärker als strategische Einsichten. Auch das macht diesen Krieg so riskant.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben