Meinung : Die Sucht nach dem Sieg

Goldmedaille! Weltrekord! Unser Jubel sollte von Misstrauen begleitet sein. Denn Doping wird immer raffinierter.

Friedhard Teuffel

Schon bevor die ersten Medaillen bei den Olympischen Winterspielen vergeben sind, steht ein Dutzend Sportler unter Verdacht. Ihre Blutwerte sind auffällig. Gut möglich, dass einige von ihnen eine plausible Erklärung dafür haben: Höhentraining oder natürliche Veranlagung. Vielleicht haben sie aber auch nicht geschickt genug gedopt und deshalb die zulässigen Grenzwerte überschritten.

Wie es auch ausgeht – die Funktionäre des Internationalen Olympischen Komitees und der anderen großen Sportverbände werden am Ende der Spiele wieder den Sieg im Kampf gegen Doping verkünden. Wenn keine gedopten Athleten überführt werden, liege es an der Effizienz des Kontrollsystems. Und wenn es besonders viele sind, dann auch nur deshalb, weil das Kontrollsystem so gut funktioniere. Das ist typisch für die Verlogenheit im Kampf gegen Doping.

Doppelmoral ist das Markenzeichen, wenn der Sport seine Betrüger verfolgt. Die Verbandsführer haben den Sport groß gemacht, ihm durch Kommerzialisierung unglaubliche Einnahmen verschafft. Doch sie haben nicht wahrhaben wollen, dass damit Begehrlichkeiten gewachsen sind und kriminelle Energien. Eine anonyme Umfrage hat ergeben, dass drei Prozent aller Spitzenathleten dopen würden, wenn sie wüssten, damit olympisches Gold zu gewinnen. Die Anreize zur Manipulation steigen mit der Zunahme an Siegprämien, Werbeeinnahmen und Ruhm.

So sehr die Sportfunktionäre, aber auch die Medien ihre erfolgreichen Helden feiern, so brutal trampeln sie auf ihnen herum, wenn einer von ihnen mit positiver Probe erwischt wird. Die Welt des Leistungssports haben sie mit bunten Pinselstrichen geschönt und können nicht glauben, dass sie kein hübscheres Bild abgibt als der Rest der Gesellschaft. Eine intensive Debatte, warum und wie gedopt wird, verhindern die Verbandsfunktionäre. Schließlich könnte schon sie alleine den Wert der Unterhaltungsware Sport verringern.

Das Publikum lässt sich gerne verführen von den Geschichten und Gefühlen des Sports. Hat sich die Fernseh-Einschaltquote bei der Tour de France verringert, seitdem Radprofis reihenweise des Dopings überführt worden sind? Wird sich daran in diesem Jahr etwas ändern, obwohl dem erfolgreichsten Fahrer der Tour-Geschichte, dem siebenmaligen Gewinner Lance Armstrong, im vergangenen Jahr Doping nachgewiesen wurde? Es ist auch nicht zur Spaltung des Sports gekommen – in dopingverseuchten Disziplinen wie Leichtathletik, Ski-Langlauf, Schwimmen und Radfahren auf der einen Seite und weitgehend sauberen wie vielen Ballsportarten auf der anderen.

Bis heute gibt es keine Interessengemeinschaft im Kampf gegen Doping. Im Grunde haben einige große Sportverbände gar nichts gegen Doping. Sie haben nur etwas gegen Dopingfälle. Die nationalen und internationalen Anti-Doping-Agenturen haben sie auch deshalb gegründet, um ihre Sponsoren zu beruhigen und die hohe Sportförderung des Staates zu legitimieren. Dopingbekämpfung als Alibifunktion. In einigen Ländern gelten die Doping-Kontrolleure als bestechlich, weil ihnen die nationale Sache, also die eigenen Sportler, wichtiger ist als ihr Arbeitsethos. Die Pharmaindustrie hat sich noch nicht dagegen gewehrt, dass ihre Substanzen zur verbotenen Leistungssteigerung missbraucht werden.

Daher überrascht es nicht, dass die größten Verdienste im Kampf gegen Doping auf private Initiativen zurückgehen. Der Heidelberger Molekularbiologe Werner Franke und seine Frau Brigitte Berendonk haben beinahe alleine das Staatsdoping der DDR aufgedeckt und zur Anzeige gebracht. Unterstützung durch die Sportverbände haben sie dabei so gut wie nicht erfahren. Auch nach Skandalen fällt die Reaktion innerhalb des Sports leise aus. Als 2004 im Kühlschrank des Leichtathletiktrainers Thomas Springstein in Magdeburg gleich zwanzig leistungssteigernde Substanzen gefunden wurden, darunter Dopingmittel von bester Qualität, gab es vereinzelt Entrüstung. Eine große Debatte ist ausgeblieben. Dabei war Springstein kurz zuvor vom Deutschen Leichtathletik-Verband zum „Trainer des Jahres“ gewählt worden. Vielleicht haben sich die Trainerkollegen zurückgehalten, um nicht als Nestbeschmutzer zu gelten. Es gibt auch keinen prominenten Athleten mehr, der sich in einer Kampagne gegen Doping engagiert. „Ich konzentriere mich ganz auf mich“, lautet die Begründung.

Gut möglich, dass der Fall Dieter Baumann daran schuld ist. Der Leichtathlet hatte in den 90er Jahren auf Plakaten gegen Doping geworben. Dann tauchte eine positive Probe auf. In seiner Zahnpastatube fand die Polizei eine verbotene Substanz. Bis heute ist fraglich, ob Baumann betrogen hat oder betrogen wurde. Möglicherweise haben die anderen Athleten nun Angst, dass ihnen etwas Ähnliches passiert, und sei es nur, weil ihnen jemand etwas untergejubelt hat.

Vielleicht sollte man den Sport zurzeit einfach richtig genießen. Die Leistungen kommen schließlich noch auf halbwegs natürliche Weise zustande – mit Talent, Training und etwas Unterstützung der Pharmaindustrie. Doch wenn sich der Sport erst einmal die Fortschritte der Genforschung zunutze macht, könnten Olympische Spiele zum Wettkampf der Genmanipulierten werden. Doping wäre dann nicht mehr nachweisbar, der Athlet trüge sein eigenes Labor in sich und würde die Hormone selbst produzieren, die er im Moment noch spritzt oder schluckt.

Schon jetzt gibt es erste Hinweise auf Veränderung der Erbgutstruktur des Menschen wie etwa in einer E-Mail des derzeit angeklagten Trainers Springstein. Endet der Kampf zwischen Kontrolleuren und Betrügern also bald wegen Waffenungleichheit?

Die Kapitulation im Kampf gegen die Manipulation im Sport ist schon oft gefordert worden, weil die Verfolgung der Betrüger teuer ist und frustrierend. Die Fahnder kommen oft einen Schritt zu spät. Sie müssen erst juristisch haltbare Nachweisverfahren für die Dopingmittel entwickeln, die schon längst im Umlauf sind. Erwischen lassen sich meist nur noch die Dreisten oder die Dummen. Der dopingfreie Sport ist ohnehin kein realistisches Ziel, wenn man bedenkt, dass nicht nur im Hochleistungssport manipuliert wird. Auch bei immer mehr Jugend-, Senioren- und Freizeitwettkämpfen fallen Sportler bei Tests auf, die ihre Leistung künstlich verbessert haben.

Das alles ändert jedoch nichts daran: Es gibt keine Alternative zu einem harten Kampf gegen Doping. Der Sport gäbe sich sonst selbst auf. Zwei ethische Bedenken zwingen zum Durchhalten. Zum einen ist es das Anerkennen von Grenzen und Regeln, das Fairplay. Es macht den Sport zu einem Verhaltensmodell für die Gesellschaft. Spiele ohne Grenzen sind kein Sport mehr. Doch Grenzen anzuerkennen, ist aus der Mode gekommen, auch im Leistungssport, weil dies dem professionellen Komparativ zuwiderläuft: höher, schneller und weiter. Die Grenze wird allenfalls noch im Betrug anerkannt, indem Spitzensportler in so feinen Dosen dopen, dass sie minimal unter dem verbotenen Wert bleiben. Dieses so genannte „Herandopen“ ist eine populäre Praxis geworden, und die Sportler lassen ihre Proben in privaten Labors kontrollieren, bevor sie zum Wettkampf reisen.

Der andere ethische Vorbehalt gegen die Einstellung der Dopingbekämpfung ist die Sorge um mögliche Spätfolgen. Sonst hätte der Sport noch mehr Menschen auf dem Gewissen. Die deutsche Siebenkämpferin Birgit Dressel starb mit 26 Jahren. In den letzten Monaten vor ihrem Tod hatte sie 100 Medikamente bekommen, unter anderem Dopingmittel. Die amerikanische Sprinterin Florence Griffith-Joyner starb mit 38 Jahren unter immer noch ungeklärten Umständen. Ihre Weltrekorde über 100 und 200 Meter haben schon seit acht Jahren Bestand.

Selbst wenn der Kampf gegen Doping nicht gewonnen werden kann – er kann auf jeden Fall besser geführt werden und vor allem ehrlicher. Das beginnt damit, ein gesundes Misstrauen wachsen zu lassen, wo heute nur gejubelt wird. Der Sport ist eine Schule der Gutgläubigkeit. Alles auszublenden, jeglichen Zweifel und manchmal auch die Vernunft, soll angeblich der Leistung zuträglich sein.

Der Trainer einer WM-Medaillengewinnerin in der Leichtathletik hat vor kurzem gesagt, er könne seine Athletin so beeinflussen, dass sie Dopingmittel schlucke. Er würde ihr einfach lange genug erzählen, dass alle anderen auch betrügen und nichts dabei sei, wenn sie nun wieder Chancengleichheit herstelle. Das Abhängigkeitsverhältnis gerade von jungen Athletinnen zu ihren Trainern und den Sportärzten reicht manchmal bis zur Hörigkeit. Noch haben die Sportverbände offenbar nicht erkannt, wie groß die pädagogische, aber auch moralische Verantwortung des Trainers eigentlich ist.

Der dopende Athlet ist dagegen häufig Opfer. Er hat alles gegeben für den Sport, alles auf eine Karte gesetzt. Um sich dafür zu belohnen, zinkt er notfalls seine Karten und unterliegt so dem Erfolgszwang des Systems. Manchmal hat er schließlich nicht nur an sich zu denken, sondern auch an die Versorgung seiner Familie. Er rechtfertigt sich damit, dass die anderen ebenfalls dopen und er doch so sehr gelitten hat für den Erfolg. Mit ihrem edlen Verhalten wird die frühere DDR-Sprinterin Ines Geipel daher wohl keine Nachahmer finden. Vor kurzem hat sie beantragt, ihren Namen aus der deutschen Rekordliste zu streichen, weil ihre Bestleistung mit der 4-mal-100-Meter-Staffel des SC Motor Jena 1984 durch Doping zustande gekommen ist. Inzwischen ist sie Professorin in Berlin und hat eine zweite erfolgreiche Lebensgeschichte. Der Kanadier Ben Johnson, überführter Olympiasieger von 1988 über 100 Meter, kommt dagegen aus einfachen Verhältnissen. Er hat selbst nach seiner Sperre noch manipuliert. Etwas anderes als Sport kennt er nicht.

In ihrem Vorgehen behandeln die Sportverbände die Athleten ohne Gnade. Ist die Dopingprobe eines Athleten positiv, steht dessen Schuld praktisch fest. Die Beweislast liegt bei ihm. Im Zweifel für den Angeklagten, dieser Rechtsgrundsatz existiert nicht. Gut möglich, dass auch viele Unschuldige ihre Regelstrafe von zwei Jahren Wettkampfsperre erhalten haben.

Wie kann der Sport reagieren? Natürlich können die Ausgaben für Dopingkontrollen und -analytik erhöht werden. Doch im Grunde muss vor allem abgefedert werden, dass der Sport die einzige Existenzgrundlage ist. Denn je größer der Erfolgsdruck ist, je kürzer und leistungsbezogener Verträge für Athleten und Trainer sind, desto mehr wird gedopt. Der Deutsche Leichtathletik-Verband empfiehlt seinen Athleten, nebenher eine Ausbildung zu machen oder ein Studium, und hält das mit dem Leistungssport für vereinbar. Sich etwa mit 15 Jahren schon für den Leistungssport zu entscheiden und alles andere zu vernachlässigen, ist eben nicht besonders vernünftig. Viele Sportfunktionäre behaupten allerdings, Spitzenleistungen seien nur möglich, wenn sich der Athlet zu 100 Prozent auf den Sport konzentriere.

Das Ziel sollte sein, den Athleten in seiner Verantwortung zu stärken und ihn zu schützen. Erst jetzt beginnt der Sport mit Präventionskampagnen für junge Athleten. Oftmals verfolgt er dabei den einzig Erfolg versprechenden Ansatz: nicht auf die moralischen Bedenken des Dopings hinzuweisen, sondern zuerst auf die praktischen Folgen: „Wenn du erwischt wirst, ist deine Karriere kaputt.“

Auf die Unterstützung des Staates sollte der Sport nicht bauen. Es sollte zwar Aufgabe der staatlichen Strafverfolgungsbehörden sein, kriminelle Auswüchse zu bekämpfen, etwa den Handel mit Dopingmitteln und die Abgabe an Minderjährige. Es kann jedoch nicht die Aufgabe des Staates sein, den sportlichen Wettbewerb zu schützen. Da hat der Staat Besseres zu tun. Sport ist nach wie vor nur ein Spiel.

Um die Mentalität des Dopings zu bekämpfen, muss auch die Mentalität des Leistungssports hinterfragt werden. Doping ist schließlich Bestandteil eines Systems, in dem Erfolgssucht nicht bestraft, sondern belohnt wird. Der vierte Platz gilt kaum etwas.

Leistungssport hat auch mit Selbstbeschränkung und Schinderei zu tun. Es gab einmal das Ideal des humanen Leistungssports. Doch ist das nicht ein Widerspruch in sich? Trainer Springstein, der kaum etwas unversucht lässt, um die Leistung zu steigern, sagt dazu: „Es gibt keine Weltmeisterschaften für humane Leichtathletik.“

Der Kampf gegen das Doping hat die Schwäche des ganzen Systems aufgedeckt: dass der Erfolg die Mittel heiligt. Der Leistungssport ist lange genug verklärt worden. Jetzt muss er erst einmal wieder das Verlieren lernen.

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