Meinung : Die Tore feiern, wie sie fallen

Die Europameisterschaft in Portugal: ein Fest für Feinschmecker. Und der Fußball kehrt zu seinen einfachen Wurzeln zurück Dann ackern die Deutschen und grätschen zum Sieg Nun haben Luis Figo und Rui Costa ihre letzte Chance

Jupp Heynckes

Darf man prophezeien, dass die Europameisterschaft, die in knapp zwei Wochen in Portugal beginnt, eine ganz wunderbare Europameisterschaft wird? Darf man so optimistisch sein angesichts des Debakels, das die deutsche Mannschaft vor wenigen Wochen gegen Rumänien erlebte? Angesichts all der Probleme, die die deutsche Mannschaft hat:

Die Torwartfrage scheint mir zwar geklärt zu sein. Aber wird Ruhe sein um Oliver Kahn und Jens Lehmann, die beiden, die sich wechselseitig für die unumstrittene Nummer eins halten und wechselseitig auch schon mal die haltbaren Bälle durchlassen?

Oder Michael Ballack, der Kopf und Hirn und Herz der Mannschaft sein soll, und, wenn denn stimmt, was man so liest, Kopf und Hirn und Herz bei Wechselgedanken hat. Weg vom FC Bayern, hin zum FC Barcelona?

Die Stürmer, die in ihren Vereinsmannschaften nicht getroffen haben oder so unerfahren sind in großen Turnieren?

Die Stimmung im Land, die so gedämpft ist und auch im Fußball nicht euphorisch werden will?

Die, die …

Ach, ich beneide Rudi Völler nicht um seinen Job vor dieser Europameisterschaft.

Also, noch einmal: Darf man prophezeien, dass diese Europameisterschaft eine ganz wunderbare Europameisterschaft wird? Man darf. Ich bin einfach mal so zuversichtlich und betrachte die 1:5-Niederlage gegen Rumänien als Unfall. Zugegeben, als schrecklichen Unfall mit den schwersten Verletzungen – aber vielleicht leben wir ja noch, und die Rumänen sind ja nicht dabei. Es ist eine Binsenweisheit und nicht nur Zweckoptimismus und Patriotismus, dass man deutsche Fußballmannschaften in bedeutenden Turnieren nie vollständig abschreiben darf. Rudi Völler wird sein Bestes geben und die Spieler auch. Und wenn die deutsche Mannschaft erst die Vorrunde übersteht, dann …, aber lassen wir die deutsche Mannschaft mal kurz ruhen.

Warum glaube ich, dass es eine großartige Europameisterschaft wird? Ich habe Portugal während meiner Zeit bei Benfica Lissabon ein wenig kennen gelernt, vor allem seine Bewohner. Ich habe wunderbare, warmherzige Menschen erlebt von großer Begeisterungsfähigkeit, von Leidenschaft, und trotz aller Leidenschaft auch von großem Fußball-Sachverstand. In der Innenstadt von Lissabon gibt es ein Restaurant, dessen Wirt sich aufs Herrlichste mit Fischen versteht, mit dem Zubereiten von Fisch, meine ich (es wird nämlich für alle, die nach Portugal kommen, auch eine äußerst attraktive kulinarische Europameisterschaft). Wann immer ich dieses Restaurant besuchte, es wurde wild gefachsimpelt, und es war nicht das Falscheste, was dieser Wirt zum Fußball zu sagen hatte. Sie verstehen etwas vom Fußball in Portugal, und addiert man ihre Lebenslust dazu, wird es ein wundervolles Fußballfest. Fußball schließt Niederlagen nicht aus? Genau. Hören Sie Fado, den traurig stimmenden Gesang der Portugiesen. Das ist die Melancholie, die einen befällt, wenn man, sagen wir mit Borussia Mönchengladbach, 7:1 gegen Inter Mailand gewonnen hat, der Sieg aber nicht zählt, weil angeblich eine Büchse den Mailänder Spieler Boninsegna getroffen hat, ach, reden wir nicht mehr darüber – das ist ein Moment für Fado.

Portugal ist schön. Und traurig. Das Land hat sich immer als kleiner Bruder Spaniens empfunden, und wurde auch wohl so betrachtet. Aber nun mausert es sich, nicht nur in dieser schönen Stadt Lissabon auf ihren sieben Hügeln am Fuße des Tejo – und dass der Fußball eine große Rolle spielt beim Anwachsen des portugiesischen Selbstbewusstseins wird nicht zum Schaden der Europameisterschaft sein. Dass der FC Porto im vergangenen Jahr den Uefa-Cup gewann und vor kurzem in Gelsenkirchen das Finale der Champions League, wird die Begeisterung für das zu erwartende Fest noch mehr steigern. In den Jahren der Vorbereitung hat Portugal seine Infrastruktur verbessert und hat herrliche Stadien gebaut, das hat auch bei denen, die sich nicht für Fußball interessieren, die Vorfreude geweckt. Zur gehobenen Stimmung wird gewiss auch beitragen, dass Fußball in Portugal noch ein klein wenig anders erlebt wird als in den Fußballzentren Europas. Weit weniger Ausländer spielen in portugiesischen Mannschaften als in der spanischen, englischen, französischen, italienischen oder deutschen Liga. Fußball wird noch nicht so stark als Event erlebt, wie es in Madrid, London oder München üblich ist. Ich will nicht übertreiben, aber „Football is coming home“, dieses Motto der Europameisterschaften 1996 in England, kann auch ein bisschen übertragen werden auf Portugal: Der Fußball wendet sich seinem Ursprung zu. Und weil das Wetter und das Klima Portugals mitspielen, werden die Teams und die Zuschauer, die nach Portugal reisen, schnell merken, wie enthusiastisch und freundlich sie in diesem fußballinteressierten Land aufgenommen werden.

Es ist daher keine allzu kühne Behauptung, Portugals Mannschaft zu den Mitfavoriten des Turniers zu zählen. Geheimfavorit waren Portugals beste Fußballspieler zwar schon oft bei großen Turnieren, selbst bei der Weltmeisterschaft vor zwei Jahren in Südkorea und Japan. Aber gereicht hat es dann doch nie. Ein paar aus diesem Spielerkreis sind noch dabei – die goldene Generation wurden sie genannt – und nun haben etwa Luis Figo oder Rui Costa ihre wahrscheinlich letzte Chance zu beweisen, dass sie zu Gold taugen. Verbunden mit dem Heimvorteil, dem vom FC Porto ausgehenden Selbstbewusstsein und im Zusammenspiel mit einer Reihe hoch talentierter, junger Spieler kann diese letzte Chance durchaus noch einmal beflügeln. Der kleine Bruder will sich beweisen, er wird sich bemühen.

Ansonsten? Wer sind die Favoriten? Die üblichen Verdächtigen? Frankreich, Italien, England, die Niederlande, Spanien, zählen wir sie dazu. Und die Deutschen, aber die lassen wir noch ein wenig beiseite, die lassen wir noch weiter ruhen. Vor wenigen Wochen hatte ich noch Bedenken, was die Favoritenrolle all der Teams angeht, deren herausragendste Kräfte in der Champions League engagiert waren. Zum Beispiel Real Madrid mit dem Franzosen Zinedine Zidane. Wie leer, wie ausgebrannt wirkte dort Zidane, Frankreichs Spielmacher und doch sicherlich der zurzeit beste Fußballspieler der Welt. Von ihm zu sagen, dass er nur noch ein Schatten seiner selbst war, war doch schon eine Beschönigung seiner zuletzt gezeigten Leistungen. Der Fluch der Überforderung lastete auch auf ihm. Gerade Spaniens Vereinsmannschaften müssen eine solche Vielzahl von Spielen absolvieren in Meisterschaft und Pokal, dass selbst die größten Spieler dem Tribut zollen müssen. Vor zwei Jahren haben wir erleben müssen, wie sich das auswirkt. Wir haben Zidane in Asien leiden sehen müssen, wo er Frankreich zur Titelverteidigung führen sollte und wollte – und vorzeitig platt und müde der Länge nach auf dem Rasen lag, unfähig, gegen die eigene Schwäche anzukämpfen und unfähig, seine Mannschaft zu führen. Aber diesmal schied er mit seinem Verein Real weit vor dem eigenen gesetzten Ziel aus der Champions League aus und blamierte sich zudem in der Meisterschaft.

Ähnlich erging es anderen Stars in Italien, Frankreich und England. Die Stars waren also geringerer Belastung ausgesetzt. Einerseits. Andererseits setze ich auf den Ehrgeiz und den Stolz solcher Weltstars. Sie werden eine Portion Wut mit nach Portugal bringen, Wut darauf sich blamiert zu haben, Wut darauf, keinen Titel gewonnen zu haben. Ein schlechtes Gewissen ist ein schlechtes Ruhekissen, und ich hoffe darauf, ich rechne damit, dass sie nicht ruhen werden, um der Fußballwelt noch etwas zu beweisen. Verspricht das nicht eine hochklassige Mischung? Beim Freundschaftsspiel der Franzosen gegen die Weltmeister aus Brasilien zeigte Zidane auch schon wieder, was in ihm steckt. Und das ist immer noch mehr, als in allen anderen Teams steckt und sollte reichen, dass Frankreich wieder weit oben mitspielt.

Weitere Favoriten? Vielfach wird dem Team der Tschechischen Republik eine Menge zugetraut. Und großartige Leistungen hat es ja durchaus gezeigt in der jüngeren Vergangenheit, aber ob es zum großen Wurf reicht, ich weiß es nicht. Die Italiener, die Spanier, die Engländer, stets werden sie zum Kreis der Anwärter gezählt – und meist sind sie doch gescheitert. Die Italiener haben, glaube ich, den fußballerischen Zeitgeist noch nicht verstanden. Zu verhalten, zu destruktiv ist ihre Spielweise. Die Engländer? Die haben sicherlich profitiert von der Globalisierung des Fußballs, von all den Einflüssen, die sie genießen von den vielen ausländischen Spielern in ihrer Liga. Aber reicht das, wenn die Konzentration sich auf das jüngste Tattoo von David Beckham richtet? Und Spanien? Es ist das alte Problem. Sie haben dort die zurzeit beste Liga der Welt, die traumhaftesten Fußballer der Welt. Aber in der Nationalmannschaft besteht weiterhin das Problem, die regionalen Unterschiede – Galizier, Basken, Andalusier, Katalanen und Madrilenen – zu einem Team zu formen. Man muss solche mentalen Probleme nicht überbewerten, aber eine Mannschaft tut sich damit schwer.

Und was ist mit den Kleinen? Kleine gibt es nicht mehr, dass Lettland mitspielen darf, ist nicht mehr nur die Quote für die Exoten. Das, glaube ich, ist Folge einer Entwicklung, wie sie auch die Tschechen schon erlebt haben. Die Unabhängigkeitsbestrebungen vieler Staaten nach dem Zusammenbruch des Ostblocks, die Kleinstaaterei, hat dem Fußball in den einzelnen Ländern gut getan. Lettische Fußballer wären in der UdSSR kaum aufgefallen und untergegangen. Im eigenen kleinen Land aber bekommen sie Spielpraxis, haben die Möglichkeit zur Entwicklung. Und, in diesen noch wirtschaftsschwachen Ländern, die Chance, durch den Sport den sozialen Aufstieg zu schaffen. Was in unseren Breiten nicht mehr greift, was in unserer doch bei allem Gejammer vergleichsweise wohlständigen Gesellschaft nur noch eine untergeordnete Rolle spielt, nämlich die bescheidenen Kindheitsverhältnisse als Motivation zur Höchstleistung, dort wirken sie noch. Nun werden die Letten nicht gleich Europas Fußballhimmel erstürmen, aber leicht werden sie es ihren Gegnern nicht machen – und zu denen zählen in der Vorrunde ja bekanntlich die Deutschen.

Aber ich war ja noch bei den Favoriten. Spielt Roy Makaay, spielt van Nistelroy, spielen womöglich beide zusammen und verbreiten Schrecken als die torgefährlichsten Stürmer Europas? Fragen, die andere Mannschaften gerne hätten, die Niederländer haben diese beiden Stürmer. Gegen die Niederländer bestreiten wir unser erstes Spiel. Einer muss ja irgendwann ausscheiden aus dem Turnier. Holland gegen Deutschland, das immerwährende Muster. Vorher, wenn ich ehrlich bin und die Möglichkeiten beider Teams abschätze: Was gibt es da für uns, für Rudi Völlers Mannschaft wohl zu gewinnen? Anschauungsunterricht, eine Demonstration schönen Fußballs. Aber dann wird es irgendwann Ernst, dann pfeift der Schiedsrichter an, und dann beherrschen die vermeintlichen deutschen „Rumpelfüßler“ plötzlich Technik, fallen ihnen Spielzüge ein, von denen die Holländer vielleicht träumen, und wenn sie ihnen nicht einfallen, ackern sie und kämpfen sie und grätschen sich bis zum Sieg. Es ist, glaube ich, nicht vermessen zu sagen, dass vom ersten Spiel der deutschen Mannschaft bei dieser Europameisterschaft, wenn es gegen die Niederlande geht, alles abhängt. Völlers Mannen können eingehen, wie es jedermann erwartet, dann wird es ein Desaster. Völlers Mannen können widerstehen, dann wird alles möglich. Ich glaube – na gut, ehrlich gesagt, hoffe ich – auf den Widerstand. Sagen wir so: Ich hoffe, eine wunderbare Europameisterschaft prophezeien zu können.

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