Die Türkei und Europa : Der Sultan und der Bürgermeister

Ist Griechenland wirklich europäisch? Und was ist mit Britannien? Europa trägt große Schuld an der Türkei, wie sie heute ist.

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Pracht zur Macht: Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan posiert 2014 in seinem neuen Sitz in Ankara, dem Ak Saray, einem 1000-Zimmer-Gebäude.
Pracht zur Macht: Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan posiert 2014 in seinem neuen Sitz in Ankara, dem Ak Saray, einem...Foto: Adem Altan/ AFP

Die Nachrichten aus der Türkei waren und sind derart grässlich, dass niemand einen Blick zurückwerfen mag. Die Welt schaut schauernd auf den Autokraten Recep Tayyip Erdogan, der inzwischen alle seine Gegner – er hält sie für Feinde –, die tatsächlichen oder nur vermuteten, ins Gefängnis wirft, jede Kritik, ja selbst Scherze erstickt, den blutigen Krieg im kurdischen Südosten wieder aufnimmt und Menschenrechtsanwälten auch in Europa wieder schutzsuchende Folteropfer zutreibt, kurz, der all das zu wiederholen scheint, was Teil der dunkelsten Zeiten in den mehr als 90 Jahren der Türkischen Republik war.

Die Türkei im westlichen (Miss-)Verständnis

Der faktisch absolute Herrscher hat den anderen, früheren Erdogan vergessen gemacht, den Mann, der in den 1990ern als Bürgermeister von Istanbul die Megalopolis bewohnbar machte, ihre Verwaltung ins 21. Jahrhundert stemmte, das Goldene Horn unterm Müllteppich hervorholen ließ und später als Premier eine islamische Variante der Christdemokratie ausprobierte: Er verschaffte der lange verachteten (frommen) anatolischen Bevölkerungsmehrheit, aus der er selbst stammt, endlich politische Repräsentanz und schuf so die Voraussetzung, den Geburtsfehler der Republik Atatürks zu heilen. Er ging auf die Kurden zu,schaffte – ja, auch das! – die Todesstrafe ab und reformierte das Recht unter anderem im Sinne der Türkinnen, die einem verbreiteten westlichen Missverständnis nach vom Republikgründer Kemal Atatürk befreit wurden. Tatsächlich hat der „Vater der Türken“ sie nur vom Kopftuch zwangsbefreit. Die kemalistische Emanzipation brachte ein paar bürgerliche Frauenkarrieren hervor, gegen die patriarchale Gewalt auf den Dörfern unternahm die Republik nichts. Sie dürfte ihr auch egal gewesen sein. Dass ein paar Dorfmädchen die Knochen keines einzigen wackeren Polizisten wert seien, lässt sich aufs Bismarckschste noch heute von älteren Juristen aus den alten städtischen Eliten hören.

Was ist seither geschehen? Jene Eliten würden sagen: Erdogan war nie anders, er hatte nur ein paar Jahre lang Kreide gefressen, die autokratische Agenda gut versteckt im Schreibtisch. Doch dagegen spricht alle politische wie Lebenserfahrung. Eine naheliegende Erklärung ist: Erdogan ist schlicht zu lange an der Macht. Zu lange zu große Mehrheiten einzufahren, das würde selbst Heilige korrumpieren. Und der Mann im Talmipalast von Ankara, den er sich hat bauen lassen, ist sicher keiner.

Wer ist Teil Europas? Die Briten wollten es nie sein

Eine zweite Erklärung ist peinlicher für uns in Europa. Alle Anstrengungen der Türkei, die Anforderungen zu erfüllen, um nach Jahrzehnten endlich die Eintrittskarte nach Westen zu lösen, hatten nicht nur keinen Erfolg. Es war auch im höchsten Maße beleidigend, wie die Union Ankara immer wieder die Tür wies. Während Länder wie Bulgarien und Rumänien, von damals mehr als fragwürdiger Rechtsstaatlichkeit, selbstverständlich in den Club durften, blieb die Türkei draußen. Über Griechenlands fantastische Haushalte sah Brüssel großzügig hinweg. Handelte es sich doch um die „Wiege der abendländischen Demokratie“, ein angeblich natürliches EU-Mitglied. Dass seit Solons und Perikles’ Zeiten ein paar Jahrtausende vergangen sind und das heutige Griechenland auch Produkt osmanischer Herrschaft ist, die ein bisschen länger dauerte als die Athener Demokratie, haben anscheinend nicht alle im Geschichtsunterricht mitbekommen.

Ohnehin begibt sich auf schlüpfriges Gelände, wer die Frage kulturalisiert, wer zu „uns“ passt und wer nicht. Europa ist eine politische Einheit, als solche gehört sie gemanagt und auch kommuniziert. Es passt, wer die gemeinsamen Regeln teilt und sich an sie hält. Und vor allem, wer dazugehören will. Für das Vereinigte Königreich, auch so ein angebliches EU-Kernland, galt beides nicht. Und dies seit dem Beitritt 1973.

Falsche Reaktion auf Erdogans Narzissmus

Die Türkei wollte, unbedingt, und sie war auf dem Weg. Man rümpfte die Nase und wies sie ab. Dass das große und einst dynamische Land die Gleichgewichte der EU durcheinandergebracht hätte, wäre ein guter Grund gewesen, es vorerst draußen zu lassen. Aber die EU-Regierungen zogen es vor, die Türkei als kulturell inkompatibel zu erklären. Das war schlimmer als ein Fehler, es war eine Dummheit. Einem überempfindlichen Narzissten wie Erdogan gegenüber war es eine Riesendummheit. Der marschierte seither trotzig in die Gegenrichtung von „Europas Werten“. Putin, Trump, Berlusconi, Erdogan: Nicht nur Schurken wollen die Welt beherrschen, sondern meist Männer mit zu großen Egos. Im deutschen Matriarchat gerät das leicht in Vergessenheit. Dran zu denken, wäre aber Politik.

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