Meinung : Die Tunichtsguten

112 schlaue Menschen am „Runden Tisch“: ein einziger Quatsch

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Von Henryk M. Broder Es ist noch nicht lange her, dass Tausende von Deutschen für Afrika auf die Straße gingen. Ich meine nicht die Zeit, da Togo, Kamerun, Deutsch- Südwest- (Namibia) und Deutsch- Ostafrika (heute Teil von Tansania) deutsche Kolonien waren, ich meine den 2. Juli des vergangenen Jahres, als in Berlin das große „Live 8“-Konzert stattfand, um kurz vor dem G-8-Gipfel in Edinburgh für mehr Entwicklungshilfe und Schuldenerlass für die ärmsten Länder des Schwarzen Kontinents zu demonstrieren.

Aufgerufen dazu hatten die Musiker Bob Geldof und Bono, der kurz vor dem Mega-Event vom EU-Kommissionspräsidenten Barroso in Brüssel empfangen worden war, wo die beiden darüber berieten, wie man die Kluft zwischen den Armen und den Reichen in der Welt zugunsten der Armen verringern könnte.

Am 2. Juli jedenfalls standen etwa 200 000 Berliner auf der Straße des 17. Juni und erklärten sich bei heißer Musik und kalten Caipirinhas mit den notleidenden, hungernden und aidskranken Menschen in Afrika solidarisch. Seitdem hat sich in Afrika wenig geändert. Das Morden in Darfur geht weiter, in Somalia haben die Fundamentalisten das Sagen übernommen, und die äthiopische Regierung überlässt die Organisation des Hungers weiterhin den im Lande tätigen NGOs. Nur die 200 000 Berliner hatten eine gute Zeit und gingen mit dem Bewusstsein heim, dass sie etwas für die armen Afrikaner getan hatten.

So ist das mit symbolischen Aktionen. Sie nutzen nichts, richten aber auch keinen großen Schaden an. Vergangenen Samstag gab es auf dem Bebelplatz in Berlins Mitte einen „Runden Tisch“. Es war der größte Runde Tisch der Welt, 110 Meter im Umfang und 33 Meter im Durchmesser. Im Innenraum hätte ein Militärhubschrauber landen können. Drum herum saßen „112 schlaue Menschen aus allen Erdteilen“ (Tagesspiegel), um die „100 wichtigsten Fragen der Menschheit“ zu beantworten, etwa: „Sind wir reich, weil die Dritte Welt arm ist?“, „Was ist Freiheit?“, „Scheitert der Mensch an seinem Egoismus?“

Es waren Fragen, wie sie jeden Sonntag in jeder Predigt gestellt werden. Doch während die Predigten allenfalls der spirituellen Einkehr dienen, sollten die Teilnehmer am Runden Tisch „versuchen, mit ihrer Diskussion die Welt ein wenig zu verbessern“. Diesmal ging es also um mehr als nur die Not in Afrika.

Zu den prominentesten Teilnehmern gehörten der Schauspieler Willem Dafoe, die Ex-Ehefrau von Mick Jagger, Bianca Jagger, der Ex-Benetton-Fotograf Oliviero Toscani und die nigerianische Menschenrechtsaktivistin Hafsat Abiola, in deren Heimat Ehebrecherinnen Gefahr laufen, gesteinigt zu werden. Organisiert wurde der Runde Tisch von einem Künstler und Werbefilmer, was den Verdacht aufkommen ließ, dass es sich um ein Happening handelte, das als Rohmaterial für „Commercials“ und „Infotainment“-Beiträge recycelt werden kann. Finanziert wurde das Ganze auch von der Allianz, die vor kurzem – als ihren Beitrag zur Verbesserung der Welt – die Entlassung einiger tausend Mitarbeiter ankündigte.

Und so wurden bei diesem Happening die wirklich wichtigen Fragen weder gestellt noch beantwortet. Wie viel hat der Auf- und Abbau des Runden Tisches gekostet? Wie viel hat es gekostet, „112 schlaue Menschen“ aus der ganzen Welt nach Berlin zu fliegen, sie in Hotels unterzubringen und zu verpflegen? Haben Willem Dafoe und Bianca Jagger ein Honorar bekommen? Wenn man von nur 2000 Euro Kosten pro Person ausgeht, wäre es fast eine Viertelmillion Euro. Können die Sponsoren ihren Anteil als Werbekosten von der Steuer absetzen? War es am Ende also der Steuerzahler, der das Spektakel mitfinanziert hat? Wäre es nicht besser gewesen, das Geld gleich an ein SOS-Kinderdorf in Afrika zu überweisen?

Die einzige vernünftige Frage an diesem Tag, da in Berlin die Welt gerettet wurde, hat ein Kabbalist aus Israel gestellt: „Was machen wir mit den Antworten?“

Der Autor ist Reporter beim „Spiegel“.

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