Meinung : Die Überschätzten

Warum Bundesligist Hertha BSC in die Krise kommen musste

Armin Lehmann

Hi, ha, ho – Hertha ist k.o. Das passt ja wunderbar zu Berlin, zur Pleitestadt, zur Stadt der geplatzten Träume. Boomtown Berlin und neue Weltmetropole wollten wir sein und neue Schlösser bauen. Und wenn wir schon nicht Olympia bekommen, dann werden wir wenigstens Deutscher Fußball-Meister werden dürfen. 1931 waren wir das zum letzten Mal, ist ja schon eine Weile her. In Berlin wollen alle immer hoch hinaus, ganz schnell muss es gehen. Visionen? Her damit! Und dann Tempo! Aber jetzt krachts erst mal bei der Hertha. Deshalb hauen die Berliner schön feste druff.

Was jetzt keiner hören will, bei diesem schauderhaften Gekicke und einem Abstiegsplatz: Das Unternehmen Hertha BSC ist noch immer eine der wenigen Erfolgsgeschichten der Stadt. Nur wie das eben so ist mit Erfolg, er steigt einem zu Kopf, macht blind und unvorsichtig. Wenn Hertha jetzt nicht aufpasst, ist die Aufbauarbeit schnell dahin. Zweite Liga, nee, die Vision will der Berliner nicht.

1997 stieg Hertha in die Erste Liga auf. Eine Rückkehr mit Konzept und einem starken Manager: Dieter Hoeneß. Im ersten Jahr wurde die Klasse souverän gehalten, danach stürmte das Team in die Champions League, getragen von einer Welle der Euphorie. Sponsoren standen Schlange, neue Mitglieder strömten in den Klub, viele Menschen aus dem Umland rannten ins Olympiastadion, Vip-Räume wurden ausgebaut. Die Prominenz entdeckte den Proletenklub und ließ sich selbst von der gewalttätigen und rechtslastigen Fan-Vergangenheit nicht mehr schrecken. Schon vergessen?

Mit der Champions League bekam Hertha zuerst das Luxusdach auf die neuen Grundmauern gesetzt. Und das war viel zu früh. Denn jetzt konnte das nur noch durch die Meisterschaft getoppt werden. Aber die kam nicht. Stattdessen spielte das Team trotz eines eher durchschnittlichen Kaders in jeder Saison international im Uefa-Cup. Den überbordenden Erwartungen entsprach das nicht, aber verglichen mit dem Nichts der Zweiten Liga lag das Erreichte weit über dem realistischen Potenzial.

Auch Hertha selbst hat sich überschätzt. Hat versucht, die längst davongeeilten Erwartungen einzuholen. Mit dem Mund. Nur nicht stagnieren, nur keine Fehler zugeben. Die Champions League mit diesem Kader? Klar doch! Der neue Trainer? Bringt uns voran! Der Manager, sonst stets auf Realitäten bedacht, hat sich mitreißen lassen. Wohl deshalb, weil er allein zu mächtig ist in diesem Klub, um ein Korrektiv zuzulassen.

Noch ist Hertha nicht k.o. Und vielleicht, wenn Berlin sein Schloss noch bekommen sollte, werden wir auch wieder Deutscher Fußball-Meister.

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