Die uneinige Partei : Links und links gesellt sich nicht

Vor allem ist es die Linke selbst, die den Humus für den Spaltpilz abgibt. Diese mühsam zusammengeleimte Verbindung von disziplinierter PDS und exzentrischen Linkssektierern, von gerade erst zur Raison gekommenen Realpolitikern und radikalen Doktrinären steckt voller Sollbruchstellen.

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Über der deutschen Vereinigung steht Willy Brandts großer, herausfordernder und oft überfordernder Satz: Nun wächst zusammen, was zusammengehört. Erleben wir jetzt, dass – im Fall der Linkspartei – auseinanderbricht, was nicht zusammengehört? Was die Führung der Linkspartei gegenwärtig veranstaltet, nimmt sich tatsächlich aus wie die Probe darauf, ob es gelingen kann, zwei Parteien, zwei unterschiedliche Politikverständnisse, zwei Mentalitäten unter einen politischen Hut zu bringen. Die beiden großen Polit-Zampanos Gregor Gysi und Oskar Lafontaine haben ihr ganzes großes Repertoire an Führung und Verführung dafür eingesetzt, bengalische Effekte und Peitschenknallen einbegriffen. Die Partei hat auch ihre Erfolge gehabt. Inzwischen allerdings erscheint am Horizont dieses politischen Projekts das Menetekel der Selbstzerstörung.

Das merkwürdige Verwirrspiel über die vielen Wege zum Kommunismus, das die Vorsitzende Gesine Lötzsch eben veranstaltet hat, war da nur ein letzter Tupfer zum Bild. Versteht sich, dass es überflüssig war wie der sprichwörtliche Kropf. Aber die Partei – daran führt kein Weg vorbei – hat eben einen Kropf: das offenbar unstillbare Bedürfnis nach ideologischen Extratouren, weitab von jeder Wirklichkeit, reiner Gespensterkampf. Wem immer die Vorsitzende die abstrusen Gedanken vorwerfen wollte, den Alten, um ihre SED-Veteranen-Nostalgien zu bedienen, den Jungen, um deren Wunsch nach scharfer Barrikaden-Romantik zu erfüllen, gleichviel, eine Partei, die für dergleichen Phantasmagorien anfällig ist, zeigt die Stelle vor, an der sie verletzbar ist.

Wenn man dann noch zwei Vorsitzende hat, die alle Erwartungen über Ost-West-Unterschiede so wunderbar erfüllen wie die vor einem Jahr gewählten, geht alles wie von selbst. Hier Gesine Lötzsch, das bescheidene, fleißige, um keinen Preis auftrumpfende Kind der DDR aus der Plattenbausiedlung in Lichtenberg. Dort Klaus Ernst, Typ bayerisches Mannsbild, einschließlich Porsche, mit dem Hang zu hohen Gehältern und dem kernigen, leider im Norden etwas schwer verständlichen Organ. Ja mei, den muss man sich nur bei den Lichtenberger PDS-Rentnern vorstellen und seine Mit-Vorsitzende im Bierzelt. Vielleicht waren beide als Kräfte gedacht, um die neue Partei zu einen. Das Gegenteil ist, mit innerer Folgerichtigkeit, der Fall.

Vor allem ist es natürlich die Partei selbst, die den Humus für den Spaltpilz abgibt. Diese mühsam zusammengeleimte Verbindung von disziplinierter PDS und exzentrischen Linkssektierern, von gerade erst zur Raison gekommenen Realpolitikern und radikalen Doktrinären steckt voller Sollbruchstellen. Der latente Ost-West-Konflikt, angefacht von tatsächlich vorhandenen unterschiedlichen Interessen, kommt hinzu. Da braucht es Politiker vom Schlage der Gysi und Lafontaine, um den Laden zusammenzuhalten. Der sorgfältig austarierte Proporz plus Doppelspitze, der die Partei führen soll, reicht dafür nicht aus.

Und dann gibt es noch das fatale Gesetz, dass in der Politik kaum je verziehen wird. Dann bekommen auch falsche Zungenschläge Flügel, erst recht handfeste Dummheiten. Hat sich erst einmal der Eindruck festgesetzt, „keine Fortune“ zu haben, „die Kuh nicht vom Eis zu bringen“, „es“ einfach nicht zu können, dann ist meistens kein Halten mehr. Parteien können grausam sein. Wer in einer Führungsposition so weit ist, der hat keine Chance mehr, und die Frage ist nur, wann er geht – oder gegangen wird.

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