Meinung : Die Unersättlichen

Der Korruptionsskandal offenbart die mangelnde Kontrolle der Öffentlich-Rechtlichen

Barbara Nolte

Gebeutelte ARD: Zwei Sportchefs im Gefängnis, Jürgen Emig und Wilfried Mohren. Sie haben sich korrumpieren lassen. Außerdem dezimierte Führungsetagen der Filmstudios Bavaria und Studio Hamburg, die mehrheitlich den ARD-Anstalten gehören. Hier wurde Geld von Wirtschaftsunternehmen angenommen. Nicht für die eigene Tasche, immerhin, sondern um die Produktiosbudgets aufzubessern. Deshalb trug der Darsteller im Film über Dieter Baumanns Leben zum Beispiel Asics-Turnschuhe.

Die ARD-Intendanten haben die Kündigungen der Verantwortlichen durchgesetzt. Selbst Bavaria-Chef Thilo Kleine, der erst davonzukommen schien, muss gehen. Und während sie sich selbst für ihr konsequentes Durchgreifen loben, legt Volker Lilienthal, der Journalist, der die Schleichwerbungsfälle erst aufdeckte, nach. Auch für die Musik in „Marienhof“ soll Geld geflossen sein. Der ARD-Skandal geht also weiter. Erste Zwischenbilanz: Die öffentlich-rechtlichen Angestellten scheinen ein zu unbefangenes Verhältnis zur Werbung zu haben. Woran liegt das?

Man kann die Schuld den Rundfunkräten geben, der Institution, die die Anstalten kontrollieren soll. Keinem Rundfunkrat war aufgefallen, dass Mohren und Emig Geld für sich selbst abzweigten; niemand wunderte sich, dass in „Marienhof“ das Reisebüro mit L-Tur-Slogans zugepflastert war. In den Rundfunkräten sitzen Politiker und ein paar Verbandsvertreter, allesamt ehrenamtlich und mit begrenztem Sachverstand fürs Fernsehen. Man kann von ihnen nicht viel verlangen. Die Rundfunkräte sind gewissermaßen ein Webfehler des öffentlich-rechtlichen Rundfunksystems. Vielleicht hat die Affäre ein Gutes, und die ARD bekommt eine bessere Kontrollstruktur.

Aber das Grundproblem, das die ARD so anfällig macht für den Einfluss von Werbung und Sponsoring, ist ihre Unersättlichkeit. Das Monster ARD will immer größer und schöner werden. Hier trifft es sich mit dem ZDF. Immer neue Unter- und Nebenkanäle sollen entstehen, und die öffentlich- rechtlichen Shows sollen noch viel glamouröser sein als die des Privatfernsehens. Deshalb pochen die Intendanten immer so heftig auf Gebührenerhöhungen, auch wenn ganz Deutschland sparen muss, und haben darüber viele Sympathien verspielt.

Doch das Geld scheint nie zu reichen, weshalb immer neue Schleusen zur Werbung geöffnet werden. Legale und manchmal eben illegale. Bei der Schleichwerbung ist die Grenze fließend. Produkte dürfen nicht zu Werbezwecken gezeigt werden, allerdings schon, wenn es dramaturgisch notwendig ist. Product Placement ist also fast nur nachweisbar, wenn man eine Rechnung findet.

Und mittlerweile sind die PR- Agenturen schon weiter. Product Placement ist zu auffällig. Themen werden lanciert, die dann mit Produkten in Verbindung gebracht werden. Ganze Beiträge werden produziert, gesponsort von Verbänden, und die Radio-Redaktionen senden sie sogar. Ein bisschen ist es mit der Schleichwerbung wie mit dem Doping bei der Tour de France. Eine Methode wird entdeckt, aber es gibt längst andere. Es wird noch viel aufzuklären sein.

Was wirklich hilft, ist eine neue Haltung. Die ARD muss wieder bescheidender werden. Sie muss profilierten Journalismus und anspruchsvolle Unterhaltung bieten, wie es ihr Auftrag ist, anstatt sich mit den privaten Fernsehsendern bei den Daily Soaps zu messen. Dann kommt sie auch nicht so schnell in Versuchung, sich als Werbefläche missbrauchen zu lassen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben