Meinung : Die Unvollendete

Ein Jahr nach Pisa: Deutschland braucht eine – andere – Gesamtschule

Bärbel Schubert

Sind wir noch lernfähig? Selten wurde in Deutschland so viel über Bildung diskutiert, wie im ausklingenden Jahr nach der Veröffentlichung der katastrophalen deutschen Pisa-Ergebnisse. Der Auftrag war klar: Die Schulen müssen besser werden. Und vor allem: Wie wird man das Prädikat wieder los, die im internationalen Vergleich nahezu ungerechtesten Schulen zu haben.

Zur Erinnerung: In Deutschland ist es beispielsweise für ein Professorenkind dreimal so leicht auf ein Gymnasium zu kommen wie für ein Arbeiterkind mit den gleichen Fähigkeiten. Das ist erschreckend. Doch was geschieht? Jedes Bundesland probiert auf ausgewählten Spielwiesen aus, etwa die Lehrerausbildung zu verbessern, Ideen für bessere Kindergärten zu entwickeln und so weiter. Das schadet sicher nicht. Wie viel es nützt, wird man erst in einigen Jahren wissen.

Das Thema soziale Gerechtigkeit erweist sich dabei als besonders sperrig. Sicher ist: Durchlässigkeit gibt es zwischen den deutschen Schulen überwiegend nach unten. Der Aufstieg ist die Ausnahme. Die deutschen Spezialitäten: Die Kinder werden früher als anderswo nach Schularten verteilt. Dabei wirkt sich die familiäre Herkunft besonders stark aus. Darüber sind sich die Bildungsforscher ausnahmsweise einmal einig. Andere Faktoren verstärken das Handikap einer „bildungsfernen“ Herkunft, statt es abzumildern. Die Förderung der Benachteiligten kommt zu kurz, ihnen wird oft von Eltern und Lehrern ein Schulwechsel ans Gymnasium nicht zugetraut. Und die einmal eingeschlagene Schullaufbahn lässt sich kaum noch korrigieren.

Die bei Pisa erfolgreichen Staaten machen allesamt vor, dass sich solche Probleme mit Gesamtschulen besser lösen lassen. Doch wer hätte das in der deutschen Debatte zumindest angesprochen? Dieses Thema ist in Deutschland tabu.

Nachdem sich Politiker aller Parteien viele Jahre lang bemüht haben, die Gesamtschule aus unterschiedlichen Motivationen zu diskreditieren, traut sich nun anscheinend niemand zu, die Kehrtwende zu vollziehen. Der Hauptvorwurf gegen die Gesamtschule lautet nach wie vor: Dort wird nach unten nivelliert. Leistung fehlt und alle richten sich nach dem Langsamsten.

Das darf natürlich nicht geschehen. In der Tat haben sich die deutschen Gesamtschulen bei den Leistungstests nicht mit Ruhm bekleckert. Doch man kann sich in Finnland und Schweden anschauen, wie Gesamtschulen erfolgreich arbeiten. Individuelle Förderung statt Gleichschritt im schleichenden Rhythmus lautet da die Devise. Ein Handikap etlicher deutscher Gesamtschulen haben sie nicht: als „Restschule“ eine negativ vorsortierte Schülerschaft zu bekommen.

Reformschulen wie die Laborschule in Bielefeld und die Helene-Lange-Schule in Wiesbaden haben vorgemacht, dass Gesamtschulen auch in Deutschland erfolgreich arbeiten können. Dort herrscht weder Anonymität noch Beliebigkeit. Die Kinder wissen, wo sie hingehören. Die Lehrer wechseln nicht jede Stunde und können so besser Verantwortung für den Lernfortschritt ihrer Schüler übernehmen.

Sicher, wenn morgen in Deutschland ausschließlich die Gesamtschule eingeführt würde, wären nicht alle Probleme sofort gelöst. Aber die Versuchung fiele weg, Kinder mit Lernproblemen an andere Schulen und Klassen abzuschieben, „an die sie gehören“. Probleme müssten dann dort gelöst werden, wo sie auftauchen. Die Kinder gehörten dann in jedem Fall an ihre Schule und müssten das nicht ständig beweisen. Unter solchen Vorzeichen sind Leistung und gemeinsamer Unterricht für alle kein Widerspruch.

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