Meinung : Die unwirtlichen Städte

Graffiti kosten uns viel Geld und forcieren die Verwahrlosung des öffentlichen Raums

Werner van Bebber

Mit dem Hubschrauber auf der Jagd nach Kriminellen – das kennt man in Berlin vor allem aus amerikanischen Krimis. Der Versuch luftgestützter Kriminalitätsbekämpfung hat zwei Effekte: Zahllose Berliner werden sich fragen, was sie mehr ärgert – die Farbschmierereien überall in der Stadt oder der stundenlange nächtliche Lärm, den die Grenzschutz-Helikopter mit ihren Wärmebildkameras bei der Fahndung nach Farbsprühern machten. Auch zeigt die Fahndungsmethode, die sonst Schwerkriminellen und Mai-Unruhen vorbehalten ist, dass sich die Ordnungsbehörden überfordert fühlen: Nur mit großem technischen Aufwand – das sagt die Hubschrauberaktion – ist die Berliner Graffiti-Szene unter Kontrolle zu bekommen. Wollen das die Leute?

Sie sollten es wollen. Nicht bloß wegen der Schäden, die durch Graffiti entstehen. Bundesweit kostet es jedes Jahr eine halbe Milliarde Euro, öffentliche Verkehrsmittel und Gebäudewände von unerwünschten Bildern und Zeichen zu reinigen. Berlin gibt dafür 50 Millionen Euro aus.

Die Summen nennt eine vereinsmäßig organisierte Bürgerinitiative, die sich dem politischen Kampf gegen Graffiti verschrieben hat. Aber die Kosten sind bloß ein Teil des Problems, wenn auch ein besonders ärgerlicher.

Der andere Teil des Problems liegt im Umgang mit dem öffentlichen Raum, den sich alle gefallen lassen müssen, die von Graffiti wenig oder gar nichts halten. Mag sein, dass die besten Bilder tatsächlich so viel kunsthandwerklichen Eindruck machen wie eine gelungene Fassadenmalerei. Viele davon sieht man aber nicht. Die meisten Amateursprühereien, Tags und Buchstabenkombinationen sind – wie es ein Sprayer in einem Beitrag für diese Zeitung gesagt hat – „wie Hundekot“: einfach nur ärgerlich, eine Zumutung, an die man sich allerdings gewöhnt hat.

Als die Sprüherei aufkam, galt sie als künstlerisch. Tatsächlich kann man über den öffentlichen Raum auch anders nachdenken als in den Kategorien „sauber, ordentlich, gut gepflegt“. Man kann ihn visuell besetzen und erobern wollen – mit Strichmännchen oder mit gelb-schwarzen Bananen oder anderen Zeichen. Solche Zeichen waren und sind provokativ, aber nicht penetrant. Doch das meiste, was groß und schlecht auf die Flächen gesprüht wird, ist bloß optische Umweltverschmutzung.

Die lassen sich viele nur gefallen, weil man den öffentlichen Raum nicht mehr als Raum für alle versteht und empfindet, sondern als Raum, für den niemand sich zuständig fühlt.

So wird Öffentlichkeit zum Un-Ort. Die Polizei garantiert an diesem Un-Ort so gut sie kann die Sicherheit. Sie kann aber nicht garantieren, dass im verfallenden öffentlichen Raum auch noch so etwas wie Gemeinsinn herrscht. Die Politik hingegen will das nicht. Die Bundesregierung in ihren videoüberwachten und also nicht besprühten Gebäuden weigert sich, die Gesetze so zu verschärfen, dass erwischte Sprayer sich richtig Sorgen um den nächsten Tag machen müssen. Die Bürger nehmen betrübt zur Kenntnis, dass jede junge Generation Graffiti und Tags neu entdeckt und dass sich die betrübliche Broken-Windows-Theorie wieder bestätigt: Wo Müll ist, da ist bald noch mehr Müll. Wo besprühte U-Bahnen sind, da sind auch bald zerkratzte Fenster.

Wo aber – ganz spießig gesagt – öffentliches Eigentum etwas ist, das nach Belieben beschädigt und zerstört werden darf, da fühlt man sich nicht bloß unwohl. Da fühlen sich immer mehr Leute auch nicht mehr sicher.

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