Meinung : „Die veränderten …

Robert Birnbaum

… Bedingungen verändern auch die Menschen.“

Wäre Willfried Penner nicht im tiefsten Inneren ein – skeptischer – Optimist, könnte er dieser Tage an seiner Aufgabe verzweifeln. Wenn in der Bundeswehr Vorgesetzte Untergebene misshandeln, liegt nichts näher, als dass die Misshandelten sich an den Wehrbeauftragten des Deutschen Bundestages wenden. Die Folter-Übungen von Coesfeld aber sind nicht per Eingabe an Penners Büro in Berlin-Mitte bekannt geworden, sondern per Zufall. Und erst seit der Fall im Münsterland öffentlich Furore macht, tauchen Hinweise darauf auf, dass es sich bei den kruden Methoden im Keller der Freiherr-vom-Stein-Kaserne nicht um einen Einzelfall handelt.

Der 68-Jährige verzweifelt nicht. Dafür hat der Sozialdemokrat, seit 1972 im Bundestag und dort überwiegend als Innenpolitiker beschäftigt, schon zu viel gesehen. Gedanken macht er sich aber schon darüber, wieso die Rekruten von Coesfeld vergleichsweise klaglos das Rabiat-Theater ihrer Ausbilder über sich ergehen ließen. Liegt es nur daran, dass viele der Rekruten als Zeitsoldaten noch etwas werden wollten? Wirkt sich eine Verschiebung von Schamgrenzen aus in einer Gesellschaft, in der Ekel-Bäder in Dschungelcamps als Fernsehunterhaltung durchgehen? Droht einer Armee die schleichende Verrohung, deren Einsatzanforderungen gefährlicher werden, obendrein überlagert von Fernsehbildern aus dem Dauerkrieg im Irak?

Genau solchen Tendenzen zu wehren, ist der Wehrbeauftragte da. Weltweit ist die Institution des nur dem Parlament verantwortlichen Ombudsmanns ziemlich einzigartig. Jeder Soldat kann sich an ihn wenden, auch anonym, wenn der normale Beschwerdeweg ausgeschöpft ist oder aussichtslos erscheint. Penner, der Rechtsanwalt ist, geht allen Eingaben nach, hakt hinterher, drängt auf Lösungen. In seinem jährlichen Bericht vermerkt er krasse Einzelfälle, vor allem aber Tendenzen und Muster bei den Eingaben. Dieses Kontrollsystem basiert auf einem der zentralen Gründungskonzepte der Bundeswehr: Dem des „Bürgers in Uniform“, Gegenbild zum stumpfen Befehlsempfänger. Aber die Transformation von der Bürgerwehr in kaltkriegerischer Wartestellung zur Armee im Einsatz nagt an diesem Konzept. Was gestern bloße Schikane gewesen wäre, erscheint heute als realitätsnahe Ausbildung. Penners Fragen lassen ahnen, dass auch das Amt des Wehrbeauftragten in Zukunft schwieriger wird.

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