Meinung : Die verunsicherte Nation

Frankreich vor der Wahl: Gedanken über eine fremde Heimat, deren Selbstzweifel heute schlimmer sind als die der Deutschen

Pascale Hugues

Die Welt steht kopf. Es ist noch gar nicht lange her, dass Deutschland und Frankreich klar umrissene Bilder voneinander hatten, dass jeder in der Vorstellung des anderen eine festgeschriebene Rolle einnahm, ein bequemes und selten infrage gestelltes Klischee. Deutschland war die grobschlächtige Wirtschaftslokomotive, in deren Innerem eine zerbrechliche, von Zweifeln und Schuldgefühlen angenagte Seele hauste. Schwer waren die Deutschen und ernst, und nie fühlten sie sich richtig wohl in ihrer Haut. Frankreich dagegen, diese einflussreiche Grande Nation, bot unter ihrem universalistischen Mantel den Völkern der Welt Schutz. Die Franzosen waren stolz und zuversichtlich, ihre Frauen erotisch, ihre Intellektuellen mutiger und engagierter als anderswo, ihre Lebensart raffiniert und ihre Küche umwerfend. Die komplexbeladenen Deutschen brachten Frankreich blinde Verehrung entgegen. Und die selbstsicheren Franzosen sahen ein bisschen auf ihre spießigen Nachbarn am anderen Rheinufer herab.

Seit einiger Zeit aber scheint an den Ufern des Rheins ein Rollentausch stattzufinden. Frankreich schlüpft in die Haut Deutschlands – und Deutschland mimt den Franzosen.

Wie jeder weiß, neigt der Franzose zum Schimpfen. Für uns ist das eine Art Nationalsport, der darin besteht, die eigene Unzufriedenheit der Welt mitzuteilen, die kleinste Frustration akustisch zu verstärken und sich selbst in Szene zu setzen. Wo der Deutsche sich gedämpft und traurig im stillen Kämmerlein beklagt, vertraut der Franzose seinen Ärger am liebsten lautstark dem Publikum seines Stammcafés an. Er geht auf die Straße. Er stellt seine Frustration zur Schau, um sich von ihr zu befreien.

Im Laufe dieser langen, langen Wahlkampagne aber haben die Franzosen nach und nach das deutsche Meckern entdeckt. Plötzlich jammerten sie über die „Lähmung“ ihres Landes, beklagten sich über ihre „Krise“, prophezeiten Frankreich eine „Abenddämmerung“. An allem begannen sie zu zweifeln: an ihren Institutionen, ihrem Schulsystem, ihrem Integrationsmodell, ihrer Wirtschaft, ihrer Reformfähigkeit, ihrer Geschichte, ihrem Selbstwert. Sie erfanden sogar ein neues Modewort, das diesen Glauben an den Untergang des Landes ausdrückt: „Déclinologie“ nennt sich die neue Lehre – „Verfallswissenschaft“.

Wer es nicht mehr aushält, packt die Koffer. Immer mehr junge Leute verlassen Frankreich. Von Kapstadt bis London, von Sydney bis zu den Trendbars in Berlin Mitte haben die Ausgewanderten die gleiche düstere Vision von ihrer Heimat. Sie jammern über „dieses verbrauchte, erschöpfte, müde, kranke, verkrampfte, bürokratische Land“.

Man muss nur in eine Buchhandlung gehen, um das Ausmaß des Übels zu begreifen. Die Regale biegen sich unter lauter Selbstanalysen, soziologischen Studien und alarmistischen Essays, die den beklagenswerten Zustand der Nation beschreiben und schon im Titel apokalyptisch klingen: „Das französische Übel“, „Die französische Psychose“, „Frankreich verliert sein Gedächtnis“, „Dieses Frankreich, das man zu lieben vergisst“ und „Wir sind unschuldig: genug der Reue!“. Alle diese Bücher beschreiben ein neurotisches, ungeliebtes Land, das von seinen Nachbarn als arrogant, egozentrisch und geschichtsglorifizierend beurteilt wird. Ein Frankreich, das seine viel zu spät unterdrückte Vergangenheit der Kolonial- und Kollaborationsära ausgräbt. Ein Frankreich, dessen diplomatische Größe und intellektueller Glanz nicht mehr als blasse Andenken sind.

Entgegen ihrer sonstigen Gewohnheiten lassen die französischen Verleger jetzt sogar den Blick von außen zu, um die Wurzeln des nationalen Übels zu ergründen. Die Paris-Korrespondenten der großen ausländischen Zeitungen werden sonst selten um Kommentare in der französischen Presse gebeten. In der Vergangenheit ließ man vielleicht mal einen Provence-verliebten Engländer das Loblied der Lavendelfelder singen, oder man lauschte blasierten Ohres den deutschen Korrespondenten, die aller Welt weismachen wollten, man lebe in Frankreich wie ein Gott. Nun aber wurde zwei Essayisten aus Übersee das Wort erteilt, und ihre Beiträge fielen nicht besonders zärtlich aus. Peter Gumbel vom „Time Magazine“ schrieb, Frankreich sei „eine Nation in Angst, zu Fall gebracht von den eigenen Schwindelgefühlen. Man muss sich fragen, ob Defätismus nicht eine französische Krankheit ist.“ Gumbels Buch trägt den Titel „Französisches Vertigo“ – ein merkwürdiges Echo auf das „Deutsche Vertigo“, das 1992 die inzwischen verstorbene Brigitte Sauzay über die Schwierigkeiten des Deutschseins schrieb.

Für Ted Stanger, einen ehemaligen „Newsweek“-Korrespondenten, lebt Frankreich „im Königreich des Zweifels. Die ganze Welt fragt sich, ob dieses Land in der Lage sein wird, die Hindernisse der Zukunft zu meistern. Ich habe auch den Eindruck, dass die Franzosen sich von Amerika zu totaler Paranoia hinreißen lassen. Ihr glaubt, dass ihr ständig umzingelt seid von übelwollenden Angelsachsen, die euer Sozialmodell nicht angemessen bewundern und eurer Kultur den Glanz verweigern, der sie in ihren besten Zeiten erstrahlen ließ. Konfrontiert mit ihrer Zukunftsangst reagieren die meisten Franzosen mit einem überheblichen Chauvinismus, der ihnen wie ihre letzte Waffe vorkommt.“

Und die deutschen Buchhandlungen? Da entdeckt man Enzyklopädien der Eigenliebe mit Titeln wie „250 Gründe, unser Land heute zu lieben“. Selbst die Linken, die jahrzehntelang in die nationale Suppe spuckten, hängen plötzlich ihr Fähnchen nach dem Wind und loben die guten alten deutschen Tugenden, denen in diesem Land so lange etwas Spießiges anhaftete: Pünktlichkeit, Ordnung und Disziplin. Und je selbstsicherer die Deutschen werden, desto weniger idealisieren sie ihre Nachbarn. „Wir haben genug von der französischen Gouvernante“, verriet mir neulich ein deutscher Intellektueller, der es leid ist, die Tugenden seiner Nachbarnation zu bewundern, dieser Levitenleserin in Sachen Demokratie und Savoir-vivre. Die Deutschen erlauben sich zunehmend Kritik, mitunter auch ruppige. Sie verunglimpfen die „Arroganz“ französischer Politiker, ihre Unfähigkeit, wahre Reformen durchzusetzen und die Realität der Globalisierung einzusehen. Ein Glück bloß, dass den Franzosen noch ihre Gebärfreudigkeit bleibt: Unsere Babys, unsere Krippen, unsere Ganztagsschulen und die Emanzipation unserer Frauen rufen in Deutschland nach wie vor Neid und Bewunderung hervor. Aber das sind unsere letzten Joker!

Wahrlich, die letzten Jahre waren nicht leicht für uns Franzosen. Es gab düstere Tage, an denen wir uns im Ausland nur noch mit eingezogenen Köpfen dicht an den Mauern entlangdrückten. Weil wir uns für Frankreich schämten.

Da war der 21. April 2002, der Tag nach der letzten Präsidentschaftswahl, als Frankreich sich plötzlich in derselben Sackgasse wiederfand wie das Italien Berlusconis und das Österreich Haiders. 17 Prozent der Franzosen hatten für ein xenophobes Wahlprogramm votiert. Mit Jean-Marie Le Pens Einzug in die zweite Runde der Präsidentschaftswahlen war der Beweis erbracht, dass die Front-National-Wähler nicht aus Protest abstimmten, sondern aus Überzeugung.

Da war die Krise der Banlieues, da war der Innenminister, der unsere Jugend als „Abschaum“ bezeichnete und davon sprach, die Vorstädte „mit dem Kärcher zu reinigen“. Die ganze Welt entdeckte plötzlich die hässlichen und sonst so sorgfältig versteckten Vororte von Paris, diese Ghettos, die Touristen sonst nur am Rande der Gleise sehen, wenn sie mit dem RER vom Flughafen Charles de Gaulle nach Saint Germain des Prés fahren. Viertel, in die die Mittelklasse nie einen Fuß setzt.

Da war das „Nein“ zu Europa, da waren die jungen Absolventen, die auf die Straße gingen, um für Arbeitsstellen auf Lebenszeit zu kämpfen. Da waren die Zelte der Obdachlosen am Saint-Martin-Kanal, die der idyllischen Ausstrahlung unserer Hauptstadt den Stempel der sozialen Misere aufdrückten. Da waren die Brände in den dreckigen Mietskasernen, in denen Einwanderer ohne Papiere unter unsäglichen hygienischen Bedingungen auf den hypothetischen Tag warten, an dem sie endlich legalisiert werden. Und da war das Gespenst der Vergangenheitsdebatte über die Kolonialzeit und die Vichy-Ära, das regelmäßig durchs Land spukt und in so vielen Familien tabuisiert wird. Als sei Jacques Chirac nicht der erste Präsident gewesen, der – 1995! – die Verantwortung des französischen Staates für die Deportation der Juden anerkannte.

Es gab so viele Momente der Scham, dass die verstörten Franzosen schließlich anfingen, Deutschland zu bewundern. Eine Zeit lang war Gerhard Schröder in ihren Augen so etwas wie ein Halbgott. Dass ein Kanzler, und ein sozialdemokratischer noch dazu, es schaffte, seinen Landsleuten die bittere Pille der Reformen schmackhaft zu machen, das hat die Franzosen schwer beeindruckt. „Bei uns wäre diese Agenda 2010 unvorstellbar“, hörte man allenthalben. Was in Frankreich fehle, schrieben manche Leitartikler, sei ein „Ruck à l’allemande“. Die Franzosen bewundern die deutsche Demokratie, die ihnen aufrichtiger vorkommt als die eigene, sie bewundern die Leistung der Wiedervereinigung, die in sozialem Frieden und ohne nationalistische Entgleisungen vonstattenging, und sie bewundern die Harmonie des sozialen Dialogs jenseits des Rheins. Sogar das deutsche Kino, das man nach Fassbinder für gestorben hielt, füllt heute Frankreichs Kinosäle. Der enorme Erfolg von „Das Leben der Anderen“ ist der Beweis.

Nun haben die Kandidaten der französischen Präsidentschaftswahlen den Patriotismus entdeckt, dem sie die Wunderwirkung eines Antidepressivums zuschreiben, das Frankreich von seinem Frust erlösen soll. Eine leicht zu verabreichende Medizin, die in der Vergangenheit so oft Wunder gewirkt hat. Nicolas Sarkozy, dieser „Mischblut-Franzose“, wie er sich als Sohn ungarischer Einwanderer gerne bezeichnet, will ein Ministerium der Nationalen Identität schaffen. „Ich will der Präsident eines Frankreichs sein, das stolz auf seine Werte und seine Identität ist“, steht in großen Lettern in Sarkozys Wahlprogramm, das letzte Woche in den Briefkästen der Franzosen landete. Und Ségolène Royal stößt ins gleiche Horn. Als sie im vergangenen Oktober offiziell zur Kandidatin der Sozialisten erklärt wurde, rief sie dem Mob mit zitternder Stimme zu: „Ich nehme die Mission an, Frankreich zurückzuerobern!“ Bei ihren Wahlkampfveranstaltungen wird auf riesigen Leinwänden über den Köpfen der Menge der Text der Marseillaise eingeblendet, der französischen Nationalhymne. Ein befremdliches Karaoke, das immerhin zeigt, dass die Franzosen ihr „Kampflied gegen die Mächte der Tyrannei“ nicht mehr auswendig singen können. „Die nationale Identität“, sagt Ségolène Royal, „ist kein Monopol der extremen Rechten!“ Und deshalb bittet die sozialistische Kandidatin ihre Landsleute, im Wohnzimmerschrank eine gebügelte Trikolore bereitzuhalten, die am Nationalfeiertag ins Fenster gehört. Ein Ratschlag, den Madame Merkel ihren Landsleuten nicht erteilen muss. Denn das schwarz-rot-goldene Banner gehört seit dem märchenhaften WM-Sommer zur Grundausstattung aller neuen deutschen Patrioten.

Nach zwölf Jahren Jacques Chirac fordern die Franzosen jetzt einen echten Wechsel. Die Presse schreibt von einer „Schicksalswahl“, Nicolas Sarkozy verspricht eine „Revolution“, Ségolène Royal einen „Bruch“ und eine „sechste Republik“. Die Franzosen suchen einen Erlöser. „Eine Wahl“, sagt ein Parteifreund von Sarkozy, „ist die Begegnung zwischen einem Mann und einem Volk.“ Der britische „Economist“ stellt den konservativen Kandidaten auf seinem aktuellen Titelbild in der Pose Napoleons dar, bereit zum Angriff, um dem gedemütigten Frankreich auf die Beine zu helfen. Ségolène Royal gefällt sich derweil in der Rolle der Jeanne d’Arc, der sie schon als kleines Mädchen verfallen war. Man sagt, sie sei, während ihre sozialistischen Kameraden Marx lasen, ins Pilgerdorf Doméry gefahren, um auf Knien für Frankreichs Retterin zu beten – deren Mission sie sich nun aneignet. Würden Politiker in Deutschland sich in solche historischen Traditionen stellen? Frankreichs neues Staatsoberhaupt muss enormen Erwartungen gerecht werden.

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