Die Wahlkampfbeobachter (3) : Die Schlacht am Laternenpfahl

Wahlplakate verschandeln die Straßen, sie verursachen den Kommunen Kosten und nerven die meisten Bürger. Viele Wissenschaftler bezweifeln sogar ihre Wirkung auf die Wähler. Wozu sind sie dann gut? Könnte man nicht einfach auf sie verzichten?

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Wahlplakate sagen wenig aus - und das an jeder Straßenecke.
Wahlplakate sagen wenig aus - und das an jeder Straßenecke.Foto: dpa

Der Straßenwahlkampf ist in vollem Gang, es ist nicht zu übersehen. Seit Anfang des Monats hängen in der ganzen Republik hunderttausende Wahlplakate. Die CDU will mit Merkel „gemeinsam erfolgreich“ sein, die SPD setzt zunächst ohne Steinbrück auf das Wort „wir“ und Jürgen Trittin wurde von seinen grünen PR-Strategen so weich gezeichnet, dass er jede politische Kontur verliert. Mit der Materialschlacht am Laternenpfahl signalisieren die Parteien: die Schlacht tobt.

Dabei sind die Plakate für viele Wähler ein Ärgernis. Sie verschandeln die Dörfer und Städte, langweilen mit den immer gleichen, austauschbaren Politikergesichtern. Und wenn der Wind etwas heftiger weht – wie häufig in letzter Zeit -, dann verwandeln sie sich auch schon mal in ein unbemanntes Flugobjekt. Nach der Wahl entstehen den Kommunen bei der Beseitigung des Plakatmülls hohe Kosten.

Doch Parteien schwören auf den Plakatwahlkampf. Er mobilisiere die Parteibasis, er zwinge die Kampagnenmacher, ihre zentralen Wahlkampfbotschaften in wenigen Worten zuzuspitzen. Als Klammer sollen die Plakate und deren Slogans alle Elemente einer Wahlkampagne zusammenbinden, so die Theorie. Und die Wähler kommen nicht an den Plakaten vorbei. Bei Werbespots im Fernsehen können sie weg zappen, Flugblätter können sie ungelesen wegwerfen. Wenn Wahlkämpfer an der Haustür klingeln, wie in diesem Jahr vor allem von der SPD angedroht, muss der Wähler gar nicht erst aufmachen. Die Augen vor den Wahlplakaten verschließen kann er nicht.

Dabei sind viele Wahlforscher skeptisch. Sie halten den Einfluss der Plakate auf den Wahlausgang für begrenzt. Je länger die Plakate hängen, desto genervter sind die Wähler, die Reizüberflutung am Straßenrand überfordert sie. Die Vorstellung hingegen, die unentschiedenen Wähler würden sich beim Betrachten der verschiedenen Wahlplakate eine Meinung über die Parteien bilden oder gar ihre Wahlentscheidung fällen, erscheint vielen Wissenschaftlern völlig naiv. Vor allem die sogenannten Kopfplakate halten sie für überflüssig. Diese befriedigten in erster Linie die Eitelkeit der Direktkandidaten.

Ein schlechtes Plakat kann die ganze Kampagne konterkarieren

Bestenfalls ist die Wirkung der Wahlplakate gering, schlimmstenfalls konterkariert ein schlechtes Plakat die ganze Wahlkampagne. So wie jener Finanzhai, mit dem die SPD vor ein paar Jahren die neoliberale Politik der FDP anprangern wollte. Nur kam der so sympathisch rüber, dass er ausgerechnet bei den Wählern der Liberalen Kult wurde.

Als Renate Künast vor zwei Jahren Regierende Bürgermeisterin von Berlin werden wollte, plakatierte sie den Slogan „Eine Stadt für alle“. Doch als die Plakate schon in der Stadt hingen, merkten die Grünen plötzlich, dass die Botschaft von den Berlinern völlig anders aufgenommen wurde als gedacht. Nicht als überparteiliches Signal der Öffnung, nicht als grünes Signal an bürgerliche Wähler, sondern als Kampagne für mehr Multikulti, für mehr Einwanderung, für mehr Ausländer. Der missverstandene Slogan verstärkte Künasts Absturz. Zumal die Grünen in ihrer Panik auf einen Slogan wechselten, der das Signal der politischen Öffnung endgültig killte: „Da müssen wir ran.“

Schließlich gibt es Wahlplakate, die nicht für die Wähler gemacht werden, sondern nur für Journalisten. Das berühmteste Wahlkampfplakat, das nie plakatiert wurde, ist sicher jenes mit zwei roten Socken an einer Wäscheleine. So warnte die CDU im Bundestagswahlkampf 1994 vor einer „Linksfront“. In jeder Zeitung wurde das Motiv gezeigt, ganz Deutschland diskutierte über den Spruch „Auf in die Zukunft … aber nicht auf roten Socken!“ Die SPD war empört, die PDS hingegen griff das umstrittene Symbol für die eigene Kampagne auf. Eifrig begannen die Genossen, selber rote Socken zu stricken. Nur war das originale Rote-Socken-Plakat ein reines Medienereignis. Eingesetzt wurde es nie.

Könnte man also auf Wahlplakate nicht einfach verzichten? Könnten sich die Parteien nicht darauf verständigen, sich gemeinsam die teure und hässliche Materialschlacht zu sparen? Doch Plakate gehören zu einem Wahlkampf irgendwie dazu. Die Parteien brauchen das Ritual am Straßenrand - und vermutlich würde selbst den Wählern etwas fehlen.

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