Meinung : DIE WAHLKAMPFKRITIK Stoiber als Rätsel

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Edmund Stoiber wurde gerade noch gerettet: vor einem schaumigen Glas warmes Bier von der Art, das nach Seife riecht und wie Pferdeurin aussieht. Das Telefon klingelte, dran war Hollands Wahlsieger Jan Peter Balkende, der wie Harry Potter aussieht. Stoibers Gesicht hellte sich auf, er wandte sich ab von den Reportern vor dem Londoner Pub. „Ich hoffe, wir treffen uns im Oktober, wenn Sie Premier sind und ich deutscher Kanzler“, polterte er ins Handy. So spricht der Kandidat, direkt, ohne großen Small Talk. Was es nicht einfach macht, dem privaten Stoiber auf die Spur zu kommen.

Seine Biografen suchen tastend wie in einem dunklen Kohlenkeller. Peter Köpf hat herausgefunden, dass Stoiber ein Meister im Rülpsen ist und bei seinen Hausaufgaben mogelte. Fingerzeige gibt jedoch eine Quelle, von der man das am wenigsten erwartet hätte: www.stoiber.de . Die Stoiber-Homepage enthält ein Stoiber-Quiz. So ist der Zeitgeist. Die Schlüsselfrage bei www.stoiber.de : Was isst er am liebsten?

a) Braten und Knödel

b) Gemüse und Salat

c) Sushi und Tempura.

Die richtige Antwort lautet natürlich: Sushi. Es ist ein offenes Geheimnis in der Bayerischen Staatskanzlei, dass Stoiber seinen Chauffeur auf dem Weg zur Arbeit halten lässt, um Sushi zu kaufen, weil seine Frau, die heilige Karin, darauf besteht, dass er Knödel isst. Sushi ist die postmoderne Currywurst. Sein Programm wirkt zwar wie ein Echo auf Kirche, Kinder, Küche, aber die Kirche ist römisch, die Kinder sind türkisch, die Küche ist japanisch. Edmund Stoiber ist ein Rätsel: ein Bayer, der Mineralwasser trinkt. Zu viele weiße Flecken für einen Sechzigjährigen, der sein halbes Leben in der Politik verbracht hat. Als die Deutschen Schröder wählten, wussten sie eine ganze Menge über ihn: die unschöne Scheidung von Hillu, den Klatsch aus Hannover (wo man, nach München und Hamburg, am meisten tratscht), das Gerede der Altjusos. Dank Udo Walz und anderer wissen wir mehr über ihn, als wir je wollten. Der Mann, der so gerne duzt, hat plötzlich entdeckt, dass zu viel Intimität Misstrauen schürt. Stoiber bleibt dagegen ein Rätsel; von bin Laden ist mehr bekannt. Vermeidet Stoiber Persönliches, weil er

a) schüchtern ist

b) etwas zu verstecken hat

c) langweilig ist?

Obwohl Reporter wie Michael Stiller alle Kraft darauf verwenden, b) zu beweisen, ist c) richtig. Michael Sprengs Marketingkampagne soll uns davon überzeugen, dass Stoiber ein faszinierender Mann ist – „kantig“. Die Wahrheit ist: Man kann nicht jahrelang neben Franz Josef Strauß arbeiten und „kantig“ sein. Strauß hat nicht mal „interessant“ oder „charmant“ geduldet. So suspekte Qualitäten hat er seinen Mitarbeitern ausgetrieben.

Um Stoiber zu verstehen, muss man seine Beziehung zu Strauß verstehen. Münchner Freunde erzählen, er sei regelrecht hungrig nach dem Ziehvater gewesen: seiner Lebendigkeit, seinen Ausbrüchen, taktischen Lügen, dem Humor, Pragmatismus, der Kampfeslust. Strauß lebte für die Politik und verwandelte Macht in Magie, nicht in Funktionalität. Aber Fakt ist: Strauß hat verloren. Weil seine Stärken auch Schwächen waren. Sein Ego verblendete seinen Intellekt.

Stoiber hat sich von Strauß befreit – und verstanden: Um die Krone zu gewinnen, muss man nicht nur so intelligent sein wie das großartige Monster, sondern besser informiert. Auf dem Weg zur Macht hat sich Stoiber in einen Anti-Strauß verwandelt, einen langweiligen, distanzierten Kardinal Richelieu unserer Tage. Sein Motto: Wenn Dich keiner persönlich kennt, kann niemand Deine Schwächen gegen Dich benutzen.

Stoibers brillantester Schachzug ist das Comeback von Lothar Späth (so brillant, dass ich mich frage, ob Späth der Kanzlerkandidat sein sollte). Er macht Schröders Versuch zunichte, den Wahlkampf zu personalisieren. Stoibers Team ist stärker als Schröders Kabinett. Stoibers Teamdenken spiegelt, was Stoiber aus den Strauß-Jahren gelernt hat. Moderne Führung, so talentiert sie sein mag, basiert nicht auf einer einzigen Persönlichkeit, sondern auf einem Zusammenspiel von Charakteren mit unterschiedlichen Stärken.

Hier rezensieren Roger Boyes, Korrespondent der „Times“, und Harald Martenstein immer sontags bis zum 22. September die Versuche der Parteien, die Wähler zu überzeugen, zu überreden und zu überrumpeln.

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