Meinung : Die Welt erreicht Amerika

Zum ersten Mal seit Vietnam entscheidet die Außenpolitik die Wahlen in den USA

Clemens Wergin

Seit dem Ende des Vietnamkrieges galt für amerikanische Wahlkämpfe: „All politics is local“, Innenpolitik ist Trumpf. Doch nach den Anschlägen vom 11. September und dem Debakel im Irak ist diese Regel außer Kraft gesetzt: Das Rennen zwischen Amtsinhaber George W. Bush und Herausforderer John Kerry wird auf dem Feld der Außenpolitik entschieden. Das jedenfalls hat eine repräsentative Studie des „Pew Research Center“ herausgefunden, eine Forschungseinrichtung, die dem amerikanischen Volk regelmäßig den Meinungspuls fühlt.

Mehr als 40 Prozent der Amerikaner halten demnach den Irakkrieg, die Außenpolitik und den Kampf gegen den internationalen Terrorismus für die wichtigsten Probleme in der nächsten Regierungsperiode. Das ansonsten immer an erster Stelle stehende Wirtschaftsthema landete mit 26 Prozent auf dem zweiten Platz. Die Anschläge vom 11. September haben den Amerikanern vor Augen geführt, dass die Probleme der Welt auch auf das amerikanische Kernland durchschlagen können, wenn sich ihrer niemand annimmt. Der Irakkrieg hat sie gelehrt, dass nicht jede Intervention auf dem Globus schon allein deshalb erfolgreich ist, nur weil die USA die Mittel dazu haben. So sind 67 Prozent der Amerikaner inzwischen überzeugt, dass ihr Land in der Welt weniger respektiert wird als früher, mehr als 40 Prozent sehen das als ernsthaftes Problem. Auch andere Ergebnisse der Studie lesen sich, als wären sie von Kerrys Wahlkampfteam bestellt worden: Knapp 50 Prozent sind der Meinung, dass die US-Außenpolitik die Interessen der Verbündeten berücksichtigen sollte, nur noch 37 Prozent stellen US-Interessen in den Vordergrund.

Das Debakel im Irak hat viele Amerikaner ernüchtert, die noch vor einem Jahr „French Fries“ in „Liberty Fries“ umbenannten und „French Toast“ in „Freedom Toast“. Und jene, die damals vor militärischer Kraft kaum laufen konnten wie die Neocons sind merklich kleinlauter geworden.

Diese neue außenpolitische Sensibilität spielt aber nicht automatisch in die Hände von Kerry. So befürwortet eine satte Mehrheit in den USA weiter den präemptiven Einsatz von Gewalt, um Gefahren abzuwenden. Kerry muss also aufpassen, dass er von den Republikanern nicht als konfliktscheuer Warmduscher dargestellt wird, dem Multilateralismus über alles geht. Zudem ist fraglich, ob sich jene Mehrheit der Amerikaner (52 Prozent), die unzufrieden sind mit Bushs Irakpolitik, wirklich für Kerry entscheidet. Schließlich hat auch er keine zündenden Alternativen zu bieten, wie das Land am Euphrat stabilisiert werden kann.

Seit dem 11. September 2001 haben die Amerikaner einen Crashkurs in Weltpolitik absolviert. Inzwischen haben die meisten mehr über Afghanistan und den Irak erfahren, als sie je wissen wollten. Die neue Relevanz der Außenpolitik hat aber auch negative Auswirkungen: Die Gespaltenheit der amerikanischen Nation verlängert sich nun in ein Gebiet hinein, in dem es in den letzten Jahrzehnten meist einen relativ breiten Konsens zwischen den Lagern gab. Demokraten und Republikaner, so scheint es, haben eine komplett unterschiedliche Weltsicht.

Ein Trend ist aber deutlich – weil das Irakabenteuer so gründlich danebenging, setzt sich jetzt der amerikanische Pragmatismus durch: Wenn’s im Alleingang nicht geht, dann muss eben mehr getan werden, um Koalitionen zu schmieden. Diese Ergebnisorientiertheit kann sich aber auch wieder ins Gegenteil verkehren: Wenn es auch einem Präsidenten Kerry nicht gelingt, die Europäer zu mehr Engagement im Irak zu bewegen – und danach sieht es derzeit aus – dann wird sich die momentane Sympathie der Amerikaner für den Multilateralismus bald erschöpfen.

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