Meinung : Die Welt gemeinsam benennen

In Deutschland entscheidet die soziale Herkunft des Kindes weitgehend über seinen Bildungserfolg. Es ist ein Skandal, mit dem wir uns nicht abfinden dürfen. Jedes Kind soll sein Potenzial ausschöpfen: Dafür müssen Eltern und Erzieher eine Erziehungspartnerschaft eingehen.

Annette Lepenies
Kita
Illustration: Reiner Schwalme

Der innere Zusammenhalt des Gemeinwesens wird durch mangelnde Chancengleichheit und misslingende Integration gefährdet. Die alarmierte Öffentlichkeit verlangt immer dringender ein Handeln der Politik. Konsens ist: Jedes Kind hat ein Recht, seinen Voraussetzungen und seinem Potenzial entsprechend gefördert zu werden. Die Umsetzung dieser Einsicht im Schulbereich kann die Lernerfolge von Kindern positiver beeinflussen als ihre Zuordnung zu verschiedenen Schultypen, über die in der Öffentlichkeit diskutiert und in der Politik ständig gestritten wird.

Um nachhaltig wirksam zu sein, müssen Korrekturen mitgebrachter Ungleichheit aber bereits in der Früherziehung erfolgen. Nur so ist gewährleistet, dass alle Kinder zu Schulbeginn annähernd gleiche Startbedingungen haben. Kindertagesstätten brauchen dazu mehr Geld, Erzieherinnen sollen entlastet und besser aus- und fortgebildet werden – wie vom „Berliner Kitabündnis“ gefordert. Notwendig ist aber vor allem eine wirksame Erziehungspartnerschaft von Eltern und Erziehern. Ob diese Partnerschaft gelingt, ist für den Bildungserfolg der Kinder entscheidend.

Der Gesetzgeber hat dies seit langem erkannt – auch im Berliner Bildungsplan wird die Rolle der Eltern betont. Von ihnen wird Hilfestellung für die Arbeit der Kita erwartet – gleichzeitig wird auch ihnen Beratung bei der Erziehung ihres Kindes angeboten. Wohlwollen herrscht vor – doch längst nicht genug Respekt vor der eigenständigen Erziehungsleistung der Eltern. Grund dafür ist die Entgegensetzung von privater und öffentlicher Erziehung, die in Deutschland Tradition hat – und sich als ein bevorzugtes Thema ideologischer Debatten und parteipolitischer Kontroversen eignet. Ein Problem der deutschen Erziehungswirklichkeit liegt darin, entweder die Beziehung des Kindes zu den Erziehern, oder die Beziehung des Kindes zu seinen Eltern in den Vordergrund zu stellen – jeweils auf Kosten des „ausgeschlossenen Dritten“. In Erinnerung an autoritäre und staatsnahe Erziehungsprogramme wird bei uns auf die Trennung zwischen dem Privatraum der Familie und der öffentlichen Erziehung mit Recht großer Wert gelegt. Familie und Kita aber gegeneinander auszuspielen, verhindert eine bestmögliche Förderung des Kindes. Selbst Hausbesuche der Erzieher beispielsweise, die helfen könnten, die Lebenswelt des Kindes besser zu verstehen, werden häufig mit großer Reserviertheit aufgenommen.

Was die Eltern angeht, werden zwei Dinge immer noch unterschätzt: ihre Expertise und ihr Enthusiasmus. Eltern sind Experten: Von ihnen müssen die Erzieher lernen, wenn es um das Fürsorgeverhalten und die Lernentwicklung des kleinen Kindes geht. Eltern wissen am besten, wie das Kind beruhigt wird, welches seine Einschlafrituale sind und an welchen häuslichen Interessen – technische, sportliche, musische – seine Förderung anknüpfen kann. Eltern sind Enthusiasten: Wir alle kennen doch junge Väter und Mütter, die hingerissen vor Glück ihr Kind mit seinen Fortschritten bewundern, obwohl sie schlaflose Nächte haben und ihre eigenen Interessen nicht verfolgen können! Ob Akademikervater oder Immigrantenmutter: Darin sind alle Eltern gleich. In der Anerkennung und Nutzung ihres Enthusiasmus liegt ein wichtiger Schlüssel zur erfolgreichen, gemeinsamen Förderung des Kindes. Erzieherinnen sind die ersten professionellen, „öffentlichen“ Erziehungspersonen, die eine komplexe Aufgabe zu bewältigen haben: Sensibel müssen sie an das Engagement der Eltern anknüpfen und es für die Arbeit mit dem Kind nutzen.

Wenn es um Bildung und Erziehung geht, kommt es aber oft zu einer Kompetenzrangelei zwischen Eltern und Fachkräften. Dabei werden sehr viel Zeit und emotionale Energie verschwendet – gerade, weil das Ausmaß des persönlichen Engagements auf beiden Seiten hoch ist. Enttäuschung, Ärger und Eifersüchtelei sind die Folge, wenn Eltern und Erzieherinnen oder Lehrerinnen sich als Kontrahenten und nicht als Partner sehen. Für den Lernerfolg des Kindes aber ist bei den Erzieherinnen eine möglichst gute Kenntnis seines Erfahrungshintergrundes notwendig. Und für die Kenntnis der kindlichen Erfahrung sind die Eltern die entscheidenden Informanten. Kinder entwickeln sich am besten, wenn sie sich in der Koalition von Eltern und Erzieherinnen aufgehoben fühlen. Dann fühlen sie sich sicher und lernen gut.

Selbstverständlich ist in unseren Kindergärten und Familienzentren die Mithilfe der Eltern erwünscht und gängige Praxis. In der Zuerkennung der Helferrolle wird aber oft eine von Hierarchiedenken geprägte Einstellung sichtbar, welche die Erziehungskompetenz der Eltern nicht angemessen würdigt.

Andererseits bezweifeln Eltern oft die Kompetenz der Erzieher mit Blick auf ihr eigenes Kind, besonders dann, wenn sie sich als die besseren „Bildungsbürger“ fühlen. Da sind die Erzieher dann oft nicht gut genug für ihr Kind. Oder die Eltern schreiben sich umgekehrt – meist als Folge negativer Erfahrungen im eigenen Bildungsprozess – unzureichende Fähigkeiten zu und scheuen daher vor Situationen zurück, die ihnen weitere Misserfolgserlebnisse einbringen könnten. Ihr Unbehagen und ihre Abwehr geben sie dann an die nächste Generation weiter. Diesem „Defizitblick“, dem auf beiden Seiten immer Hierarchie-Erlebnisse zugrunde liegen, gilt es, entgegenzuwirken.

Eine gelingende Erziehungspartnerschaft von Eltern und pädagogischen Fachkräften ist keine Selbstverständlichkeit. Natürlich muss in Familien, in denen Eltern ihre Kinder vernachlässigen und ihnen Bildungschancen verwehren, die öffentliche Erziehung korrigierend und kompensatorisch eingreifen. Die Abwehrhaltung vieler Eltern gegenüber Bildungsangeboten hängt häufig aber auch damit zusammen, dass man ihnen mit dem genannten „Defizitblick“ begegnet und ihre Erziehungsschwächen betont.

Um diese Eltern zu erreichen, bedarf es großer Anstrengungen. Es geht nicht darum, ihre „Blockade“ aufzubrechen, sondern zunächst einmal darum, die Ursachen ihres Verhaltens zu erkennen und zu verstehen. Voraussetzung dafür ist eine Aufmerksamkeit auf die spezifische Phase des Lebenslaufs, in der sich die meist jungen Frauen und Männer gerade befinden – und die es ihnen vielleicht besonders schwer macht, sich zu diesem Zeitpunkt um die Erziehung ihres Kindes intensiver zu kümmern. Denn unterschiedlichen Eltern muss man auch unterschiedliche Strategien anbieten, um sie zu ermutigen. Nur so lässt sich die Chancengleichheit der Kinder verbessern und die Integration ihrer Familien fördern.

Für das Kind ist es von großem Vorteil, wenn in seinem Erziehungsprozess die Eltern und die Erzieher sich nicht wie Laien und Experten in einer Konkurrenzsituation gegenüberstehen, sondern miteinander kooperieren. Die Eltern werden dann nicht deshalb als Partner gesehen, weil sie durch überzeugende Instruktionen oder Ratschläge den pädagogischen Fachkräften ähnlicher werden. Im Gegenteil: Den Eltern wird eine ihnen ganz eigene Erziehungserfahrung zugesprochen – diese gilt es, für das Kind zu nutzen. Das im deutschen Sprachgebrauch beliebte Wort „bildungsfern“ kann man mit dieser Einstellung nicht mehr aussprechen, denn es würde bedeuten, dass man selber offensichtlich im Besitz der Bildung ist, von der andere so weit entfernt sind. Diese Einstellungsänderung hat Folgen für den Umgang von Eltern und Erziehern miteinander – das Ausmaß der Gleichberechtigung zwischen ihnen wächst. Die Eltern werden ebenso wenig als mangelhafte, weil nicht-professionelle Erzieher wahrgenommen wie die professionelle Erziehung in der Kita nicht als Schwundstufe der „eigentlichen“, das heißt der häuslichen Erziehung betrachtet wird.

Gleichberechtigung heißt auch, dass die pädagogischen Fachkräfte darauf verzichten, Kompetenzvorsprünge durch abwehrenden Jargon zu behaupten. Aber sie vermeiden es auch, ihre Fachsprache zu verflachen und mit den Eltern in einer Art von Erwachsenen-Babysprache zu kommunizieren. Vielen Eltern fällt es schwer, sich mit Hilfe der Kulturtechniken des Sprechens und Schreibens auszudrücken. Dann gewinnt der Aspekt „Bildlichkeit“ einen hohen Stellenwert: Videoaufnahmen, welche die Eltern von ihrem Kind zu Hause gemacht haben und Fotodokumentationen aus der Kita zeigen Lerngeschichten des Kindes, die von den Eltern und den Erziehern gemeinsam betrachtet und ausgewertet werden. Sie verständigen sich dabei über die Entwicklungsfortschritte des Kindes. Erfahrungen zeigen, dass es gelingen kann, Eltern die Begriffssprache einer Theorie zu vermitteln. Auf diese Weise können sie die Entwicklung ihres Kindes und die eigene Praxis besser verstehen und anreichern.

Wenn man sich gemeinsam in einem miteinander geteilten Begriffsrahmen bewegt und sich über die Basiskonzepte der Erziehung auf gleicher Augenhöhe verständigt, kommt es zu einer regelmäßigen Rückkopplung zwischen Eltern und Fachkräften. Die „öffentliche Theorie“ der Erzieher und die „private Theorie“ der Eltern ergänzen sich – und aus dem Zusammenspiel beider „Theorien“ entwickelt sich eine erfolgreiche Erziehungspraxis. Für Eltern und Erzieherinnen liegt – mit den Worten des brasilianischen Erziehungsreformers Paulo Freire – eine hohe emotionale Befriedigung darin, auf diesem Wege „die Welt gemeinsam zu benennen“.

An sozialen Brennpunkten müssen Kitas sich auch zu Familienzentren ausweiten, in denen Eltern vielfältige Hilfe und Anregungen erhalten. Die Familienzentren sollten flexible Öffnungszeiten haben; in ihnen arbeiten mehrere Berufsgruppen zusammen: Neben Erzieherinnen, die möglichst die Muttersprache der Kinder sprechen, sind dies – je nach Bedarf der Eltern – Sozialarbeiter, Gesundheitsdienste, Schuldenberater. Die Notwendigkeit zur Gründung von Familienzentren, die eine wichtige Funktion kommunaler Integration erfüllen, wird bereits in vielen Bundesländern erkannt.

Für jede Kita aber gilt: Um das einzelne Kind bestmöglich zu fördern, müssen professionelle Erzieherinnen und Eltern enger als bisher zusammenarbeiten. Eltern werden mit den pädagogischen Konzepten der Kita vertraut – Erzieher beziehen aus der häuslichen Umwelt der Kinder Anregungen. Gegenwärtig fehlen ihnen dafür in den meisten Fällen sowohl die Kompetenz als auch die Zeit. Notwendig ist ihre bessere Qualifizierung. Die Erzieher müssen sich auch in der Erwachsenenpädagogik, in der Lebenslaufforschung sowie in der Gemeinwesenarbeit auskennen. In Deutschland finden sich hier allerdings erhebliche Leerstellen im Ausbildungscurriculum an den Fachschulen, Fachhochschulen und in der Weiterbildung. Notwendig ist darüber hinaus eine Aufstockung des Zeitbudgets, das der einzelnen Erzieherin für ihre Elternkontakte zur Verfügung steht. Wenn man dafür nur zwei Stunden ansetzt, benötigt jede Kita pro 100 Kindern eine zusätzliche Stelle.

Es ist eine Mindestanforderung. Sollten unsere Kinder uns diese Kosten nicht wert sein? Es ist beschämend, dass zur Unterstützung der Kitas und Familienzentren bisher private Stiftungen und engagierte Bürger für den Staat einspringen mussten. Für die Politik besteht dringender Handlungsbedarf. Go Berlin!

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