Die Welt und die Krise : Europas Stunde

G7 - diese Abkürzung steht auch für siebenfache Gier. Auch Deutschland profitierte jahrelang von der Immobilienblase. Diese Länder können sich auf kein gemeinsames Konzept einigen. Dass jetzt die 15 Euro-Staaten zu einer Linie finden, ist ein gutes Signal.

Moritz Döbler

Es ist der Morgen nach der großen Sause. Gemeinsam sitzen sieben Mann am Tisch. Verkatert sind sie, einer hätte sich fast ins Koma gesoffen. Und jetzt? Wer zahlt die Zeche? Wie geht es weiter? Noch einen Schnaps? Nein, von diesem Tisch sind keine vernünftigen Antworten zu erwarten. Hier kümmert sich jeder nur um die eigenen Kopfschmerzen.

G 7 nennen sich die sieben großen Industrienationen, deren Finanzminister sich gerade getroffen haben. Die Abkürzung steht auch für siebenfache Gier, die USA waren nicht allein. Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Japan, Kanada und Italien haben über Jahre von der Immobilienblase und der schleichenden Überschuldung der US-Bürger profitiert. Gerade der Exportweltmeister lebte davon nicht schlecht. Ob Maschinen oder Autos – die Nachfrage aus Übersee stützte unser bisschen Aufschwung.

Dass diese sieben ein schlüssiges gemeinsames Konzept nicht nur entwerfen, sondern auch umsetzen, ist ausgeschlossen. Die Lage erfordere „dringliche und außergewöhnliche“ Schritte, heißt es im Abschlusscommuniqué, doch dann folgen Unverbindlichkeiten und Allgemeinplätze. Das hat Tradition und System. G7, G8 oder G20 haben kaum eine Legitimation: keine direkte demokratische und erst recht keine inhaltliche. Wie viel Expertise haben diese Gremien, wenn sie die Finanzkrise nicht rechtzeitig kommen sehen, wenn sie dann nicht reagieren und nicht mehr leisten, als sehr spät einen theoretischen Kanon möglicher Interventionen zu formulieren?

Vor allem aber sitzen die Falschen am Tisch. Zu Recht fordert Außenminister Frank-Walter Steinmeier jetzt eine Weltfinanzgruppe, zu der nach seinen Worten neben den G8 auch China, Indien, Brasilien und arabische Staaten „mit gleichen Rechten und Pflichten“ gehören sollten. Das ist neu. Bisher wandte sich Deutschland gegen eine Erweiterung der G8. Vorstöße von Tony Blair und anderen wurden stets mit klugen Einwänden erstickt. Man könne doch nicht Italien und Kanada rausschmeißen, um China und Indien aufzunehmen, auch passten die Schwellenländer nicht zum Wertekanon der anderen, und es reiche eine enge Zusammenarbeit.

Doch zeigt sich jetzt, in der Krise, noch deutlicher, wie überflüssig die G8 eigentlich sind, wie gestrig, wie überfordert. Das große Zocken hat schließlich nicht nur lange für Wohlstand in den Industrienationen gesorgt, sondern allein in China Währungsreserven von zwei Billionen Dollar entstehen lassen. Es ist zwingend, China und andere Global Player stärker einzubinden. Wer Teil des Problems ist, muss Teil der Lösung werden.

Mag sein, dass die Tage der G8 gezählt sind und neue Formationen, neue Organisationen entstehen, die den Machtverhältnissen in der Welt näher kommen. Doch in jeden Fall sind die Europäer gut beraten, ihre Kräfte stärker zu bündeln. Auf ihnen lasten große Hoffnungen, wie sich daran zeigt, dass sich die Kursstürze vergangene Woche noch verstärkten, nachdem sich Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Italien zunächst nicht auf ein Konzept geeinigt hatten.

Dass jetzt die 15 Euro-Staaten zu einer Linie finden, ist ein gutes Signal. Staatliche Garantien auf Zeit, bei denen hoffentlich am Ende kein Geld fließen muss, sind das Mittel der Wahl; aber auch der Einstieg des Staates bei strauchelnden Banken kann in besonderen Fällen notwendig werden. Jubeln lässt sich darüber nicht: Banken mit staatlichen Großaktionären waren in Deutschland selten erfolgreich. Doch ist der Einstieg unumgänglich, darf er nicht halbherzig erfolgen. Dann braucht der Staat Sitze im Aufsichtsrat, um mit entscheiden zu können, dann muss er Kontrolle übernehmen.

Deutschland und die Euro-Länder haben sich auf Instrumente gegen die Krise verständigt. Doch viel hängt von Mittwoch ab, wenn die Staats- und Regierungschefs der 27 EU-Staaten zusammenkommen. Europa kann in der Krise eine Bewährungsprobe, eine Legitimation erleben. Es wäre an der Zeit, Europa als geschlossene wirtschaftliche Macht in der Welt zu etablieren.

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