Meinung : Die Welt zu Gast bei Schily

Die Fußball- WM 2006 wird mehr und mehr zum Versuchsfeld für Datenschnüffler

Robert Ide

Ohne Überwachung kann es nicht gehen. Im Sommer nächsten Jahres wird Deutschland ein Fest ausrichten, das für Jahrzehnte im internationalen Gedächtnis haften bleiben soll: als weltoffene Fußball-Weltmeisterschaft. Es soll ausgelassen zugehen – mit friedlich feiernden Fans in den Stadien und den Innenstädten. Und es soll sicher sein – vor prügelnden Chaoten mit Bierfahne und Fußballschal genauso wie vor Terroristen mit einem Sprengstoffgürtel. Wie soll das alles funktionieren ohne flächendeckende Kontrollen?, fragen da Sicherheitsexperten. Bis jetzt haben sie keine schlüssige Antwort darauf bekommen. Weil es keine gibt.

Absolute Sicherheit ist nicht möglich, wenn sich Millionen Menschen im öffentlichen Raum versammeln. Sie ist auch nicht wünschenswert. Überwachungskameras vor den Großbildleinwänden sind vielleicht unvermeidbar. Aber eigentlich sind sie nur schwer zumutbar in einem freien Land und bei einer WM, bei der laut offiziellem Motto „die Welt zu Gast bei Freunden“ sein soll. Wer garantiert, dass nach dem Turnier die Kameras auf den zentralen Plätzen des Landes wieder abgebaut werden? Und was wird aus den aufgezeichneten Daten, den möglicherweise gespeicherten Gesichtsprofilen von friedlich feiernden Fans? In dieser Woche haben die Innenminister der Länder das Sicherheitskonzept für die WM 2006 verabschiedet. Auf diese Fragen haben sie noch keine schlüssige Antwort gegeben.

Natürlich kann es kein Massenspektakel ohne Kontrolle der Masse geben. Innenminister Otto Schily tut seit Monaten alles, was die Gesetze hergeben, um die WM sicher zu machen. Das bisherige Konzept der Behörden und Sicherheitsdienste setzt sich aus vielen Elementen zusammen, die richtig und wichtig sind. Die Landesgrenzen werden abgeschottet, auf Flughäfen und Bahnstrecken gibt es Sonderkontrollen, vielleicht wird der freie europäische Reiseverkehr ausgesetzt. Hooligans werden von mobilen Einsatzteams vor Gesetzesverstößen gewarnt und durch die Republik begleitet – auch von szenekundigen Beamte aus dem Ausland. Um die Stadien werden zwei Sicherheitsringe gezogen, Eintrittskarten werden nur bei Angabe der persönlichen Daten verkauft, diese sind auf einem elektronischen Chip gespeichert. Über den Arenen herrschen Flugverbote, unter den Tribünendächern hängen Überwachungskameras. Alle Informationen laufen in einem Sicherheitszentrum in Berlin zusammen. So viel Kontrolle war selten.

Die Fußball-WM 2006 muss so sicher gemacht werden wie möglich. Aber sie darf nicht zu einem unkontrollierten Versuchsfeld für neue Sicherheitstechnik werden. Wollen wir noch mehr Kontrolle? Die Debatte darüber ist bei den Vorbereitungen bislang zu kurz gekommen.

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