Meinung : Die wirksamsten Waffen: Vorbeugung und Früherkennung

Die Therapien gegen Krebs müssen besser überprüft werden

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Alexander S. Kekulé Die Diagnose „Krebs“ klingt für viele Menschen wie ein Todesurteil. Auch im 21. Jahrhundert zeigen die „bösartigen“ Geschwüre wie kaum eine andere Krankheit die Grenzen der ärztlichen Heilkunst auf. Die seltenen Erfolgsgeschichten werden weitererzählt wie biblische Wunder – etwa die des unglaublichen Radfahrers Lance Armstrong, der nach überstandenem Hodenkrebs siebenmal die Tour de France gewonnen hat.

Das kollektive Angstgefühl wird durch neuere Statistiken in deprimierender Weise bestätigt. Eine Auswertung der Krankengeschichten mehrerer tausend Krebspatienten aus dem Raum München zeigte: Bei metastasierendem Darm-, Brust- und Prostatakrebs hat es in den letzten 25 Jahren keinen Fortschritt gegeben. Das ganze Arsenal von neuen Operationstechniken, punktgenauen Bestrahlungen und aggressiven Chemotherapien konnte die Lebenserwartung nicht verlängern, wenn erst einmal Metastasen aufgetreten waren.

Besonders enttäuscht hat die Chemotherapie, die insbesondere nicht mehr operablen Tumorpatienten als letzte Hoffnung angeboten wird. Trotz rasant steigender Umsätze und einer Vielzahl neu zugelassener Präparate haben die chemischen Keulen bei den meisten Organtumoren, wie etwa Brustkrebs, das Leben der betroffenen Patienten statistisch nicht verlängert.

Die moderne Medizin hat aber auch echte Siege über den Krebs errungen – wenn auch nur an einigen wenigen, eng begrenzten Fronten. So lassen sich einige Arten von Knochenmarks-, Lymphknoten- und Blutkrebs heute durch Chemotherapie und Bestrahlung vollständig heilen. Insbesondere im Kindesalter sind die Erfolge so durchschlagend, dass sich schon deshalb die Milliarden für die Krebsforschung gelohnt haben. Andere Krebsarten, etwa in Dickdarm, Hoden oder Prostata, sind bei sehr frühzeitiger Erkennung vollständig heilbar – danach haben die Patienten wieder eine normale Lebenserwartung. Schließlich hat die Entdeckung, dass bestimmte Gebärmutterhals- und Leberkarzinome durch Viren hervorgerufen werden, neue Verfahren zur Früherkennung geschaffen und die Möglichkeit eröffnet, diese Krebsarten eines Tages durch Impfungen für immer zu besiegen.

Trotz dieser Einzelerfolge macht die Medizin im Kampf gegen den Krebs seit Jahrzehnten kaum Fortschritte. Zwar kennen die Wissenschaftler die molekularbiologischen Vorgänge bei der Krebsentstehung besser als je zuvor. Doch ist es bisher so gut wie nie gelungen, aus den Erkenntnissen der Grundlagenforschung hochwirksame Therapien zu entwickeln.

Dass es in der Krebstherapie so viele (und teure) Scheininnovationen gibt, liegt auch an der verzweifelten Lage der Patienten. Neue Therapien werden zugelassen, wenn sie bereits einen nur minimalen Vorteil gegenüber bisherigen Verfahren haben. Die Gretchenfrage, ob diese Therapien überhaupt zu einer Lebensverlängerung führen, lässt sich in der Zulassungsphase jedoch kaum beantworten – dazu müssten die Ärzte einen Teil der Todkranken als „Kontrollgruppe“ ihrem Schicksal überlassen.

Die Krebstherapie kann deshalb nur durch akribische Überprüfung der Langzeitergebnisse vorankommen. Das scheitert aber bisher daran, dass jede Klinik und jeder Chefarzt für jedes Geschwür eine eigene Therapie hat, zusätzlich variiert die Qualität der operativen Tumorentfernung erheblich. Die alte Forderung, Krebstherapie nur unter der Leitung großer Spezialzentren nach einheitlichen Standards zu machen, lässt sich nicht durchsetzen, weil dann viele Kliniken ihre lukrativen Krebspatienten überweisen müssten.

Die Menschheit wird sich mit dem Krebs deshalb noch auf unbestimmte Zeit arrangieren müssen. Das ist jedoch kein Grund für fatalistische Untätigkeit, im Gegenteil: Etwa die Hälfte aller Krebserkrankungen ist durch Bewegung, richtige Ernährung und Vermeidung von Schadstoffen (Zigarettenrauch, Alkohol) vermeidbar. Darüber hinaus lassen sich einige Krebsarten bei rechtzeitiger Diagnose erfolgreich therapieren. Die wirksamsten Waffen im Kampf gegen die Menschheitsgeißel sind deshalb Prävention und Früherkennung – sie müssen nur genutzt werden.

Der Autor ist Institutsdirektor und Professor für Medizinische Mikrobiologie in Halle. Foto: J. Peyer

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