Meinung : Die Zeit der Illusionen ist vorbei

„Zeit für einen zweiten Start“

von Volker Hassemer vom 26. November

Der Artikel ist durchaus in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Zum Ersten verblüfft des Autors Verwunderung über die entscheidende Bedeutung der Hauptstadtrolle Berlins und sein seltsames Eingeständnis: „Hätten wir die existenzielle Abhängigkeit Berlins von der Hauptstadtverlagerung geahnt, wären wir ganz anders aufgetreten, hätten ganz anders argumentiert“. Wie hätten wir dann anders argumentieren sollen – etwa anklagend mit der drohenden wirtschaftlichen Notlage Berlins? Ich glaube nicht, dass so etwas die damals sehr starke Bonn-Lobby beeindruckt hätte, und die westdeutsche Bevölkerung, für die der Begriff „Notopfer Berlin“ fast so etwas wie ein Schimpfwort war, wohl erst recht nicht.

Zum Zweiten nimmt es Wunder, wenn gerade Herr Hassemer als einer der Hauptproduzenten jener blumigen Illusionen der frühen neunziger Jahre, die Berlin letztendlich in die Verschuldung trieben, im Nachhinein den Mangel an „wirklich strategischen Analysen“ der Zeit nach 1989 beklagt.

Und zum dritten verbindet er diesen Vorwurf auch noch mit der Behauptung, bis heute fehle es an „zielführenden Diskussionen oder entschiedenen neuen strategischen Ansätzen“. Die rot-rote Koalition hat immerhin in den zurückliegenden Jahren den Abgesang auf den Industriestandort Berlin und die leere Worthülse von der reinen „Dienstleistungsmetropole Berlin“ beendet, und stattdessen mit den Verbänden der Unternehmen und den Gewerkschaften industriepolitische Initiativen ergriffen. Über 100 000 neue Arbeitsplätze sind in den vergangenen fünf Jahren entstanden. Dies ist durchaus ein „Zweiter Start“ nach den verflogenen Illusionen der neunziger Jahre! Dass der Verlust von über 200 000 Arbeitplätzen in der Berliner Industrie während der neunziger Jahre damit noch nicht vollständig kompensiert werden konnte, überrascht nicht, aber der Aufholprozess ist in Gang gekommen. Ob Herr Hassemer hingegen schon Abschied von seinen postindustriellen Träumereien der neunziger Jahre genommen hat, erscheint nach Lektüre seines Artikels eher ungewiss.

Frank Jahnke, MdA, Wirtschaftspolitischer Sprecher der SPD-Fraktion, Berlin

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben