Meinung : Die Zeit schlägt neue Wunden

New York und Berlin gedenken des NS-Terrors – in Dresden feixen Hitlers Erben

Gerd Appenzeller

Die Gründung der Vereinten Nationen war die Antwort der zivilisierten Welt auf das Böse des Nationalsozialismus. Daran hat Kofi Annan, der Generalsekretär der UN, bei einer Gedenkstunde zum 60. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz erinnert. Erstmals hat die Weltorganisation diesen Tag zur Kenntnis genommen.

Israel, Mitglied der UN, der Staat, in dem die meisten Überlebenden des Holocaust und ihre Nachfahren eine neue Heimat fanden, hat viele Gegner. Der jüdische Staat ist der einzige, der gegenüber seinen Nachbarn immer wieder seine Existenz rechtfertigen soll. Einige dieser Nachbarn, unterstützt von einer unheimlichen Allianz gegen „Imperialismus, Zionismus, Kapitalismus und Kolonialismus“ unterbanden Jahrzehnte jedes Gedenken an die Leiden der Juden. Kofi Annan hat das so ausgedrückt: Es könne der Eindruck entstehen, die UN dienen allen Völkern der Welt bis auf eines – dem jüdischen.

In diesem Jahr war vieles anders. Zu den Befürwortern der Gedenkstunde gehörten sogar islamische Staaten. Es gibt seit langer Zeit wieder eine vage Hoffnung auf eine Lösung des Nahostkonfliktes. Die wollte niemand zerstören.

Die Weltorganisation war gegründet worden, um die Wiederkehr von Verbrechen wie des Holocaust zu verhindern. Kaum jemand weiß noch von diesem Gründungsimpetus. Das ist kein Wunder – die UN haben, auch daran mahnte Kofi Annan, seit ihrer Gründung gerade bei der Verhinderung von Genoziden immer wieder versagt.

Daran zu erinnern, dass der 60. Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz nicht nur ein internationaler, sondern vor allem auch ein deutscher Gedenktag ist, war der Außenminister nach New York gekommen. Zwischen dem, was er in Amerika sagte, und den Worten des Bundeskanzlers einen Tag später im Deutschen Theater in Berlin gibt es zentrale verbindende Gedanken. Sie berühren das Verhältnis zwischen der Bundesrepublik und dem Staat Israel, aber auch das zwischen jüdischen und nichtjüdischen Deutschen. Für Joschka Fischer ist es die deutsche Schuld am Holocaust, der die Bundesrepublik ganz besonders gegenüber dem Staat Israel verpflichtet. Gerhard Schröder beschwor es gestern in bewegenden und bewegten Worten als gesamtgesellschaftliche Aufgabe, zu verhindern, dass jemals wieder jüdische Bürger in Deutschland bedrängt werden.

Der Kanzler und sein Außenminister wissen, dass weder das besondere Verhältnis zu Israel noch der Kampf gegen den Neonazismus von allen Deutschen als selbstverständlich empfunden werden. Mit der NPD ist eine Partei erneut emporgekommen, die glaubt, die dunkelsten Seiten der deutschen Geschichte abschütteln zu können wie ein paar lästige Spritzer. Im sächsischen Landtag hat sie sich jetzt gemeldet und über deutschen „Nationalmasochismus“ und die „Umerziehungs- und Canossarepublik“ gehöhnt.

Wenn Gerhard Schröder seine Scham angesichts der Millionen Ermordeten bekundet, dann ist das nicht die Scham der Jürgen Gansel oder Holger Apfel. Sie schämen sich überhaupt nicht, weder des Vokabulars, das sie benutzen, noch der Vorbilder, auf die sie sich geistig berufen. Als ein deutscher Journalist vor 35 Jahren in einem Leitartikel der NPD attestierte, sie gelte als Nachfolgeorganisation der NSDAP, klagten die Rechtsextremen dagegen – erfolglos. Heute wehren sie sich nicht, wenn solche Bezüge hergestellt werden, sondern scheinen eher stolz darauf. Bei den Überlebenden des Terrors schlagen sie satanisch feixend neue Wunden.

Die Vergangenheit empfinden auch viele Jüngere als drückend, die mit der NPD nichts gemein haben. Sie möchten sich, wie die meisten, auch ältere Deutsche, lieber von der Last frei machen, aus dem Lande zu kommen, in dessen Namen das größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte geschah. Aber diese Erinnerung ist Teil der Geschichte. Statt uns darüber zu empören, sollten wir eher Zorn und Wut auf und gegen alle empfinden, die diese Schmach über Deutschland gebracht haben – und jene, die damit heute wieder unverhohlen sympathisieren.

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