Meinung : Die Zukunft im Blick haben

„Zehn Regeln für eine ausgewogene

und faire Berichterstattung“

von Henryk M. Broder vom 16. Juli

Sicher hat der Autor mit seinen zehn Regeln recht. In Wirklichkeit sind sie nur eine, nämlich nach Gründen und Ursachen zu fragen und diese dann in das richtige Verhältnis zu den Ereignissen und Realitäten zu setzen.

Allerdings sollte man dabei auch bedenken, dass es häufig mehrere Ursachen gibt, man die Realität nicht ausblenden sollte und man nicht ständig nach Rechtfertigungen suchen sollte. Denn letztendlich bringt das die Dinge nicht weiter, sondern lenkt nur allzu leicht davon ab, die Umstände zu verbessern.In seinen zehn Regeln verstößt Henryk M. Broder leider gegen dieses Prinzip, wenn er für alles und jedes eine Entschuldigung oder eine Ursache aus grauer und häufig auch grausamer Vergangenheit sucht.

Wenn wir mit einer solchen Aufrechnung beginnen, können wir fast jeden Mord, jede Terrorisierung, jede Korruption und, was er sonst noch anführt, entschuldigen.

Deshalb erwarte ich von einem Reporter erst einmal einen Bericht, der sich an der augenblicklichen Wirklichkeit orientiert und keine, sei sie unter Umständen auch berechtigt, moralisierende Geschichte.

Die Vergangenheit können wir nicht ändern. Wir müssen uns an die realen Umstände halten und diese versuchen, zu verbessern.

Dr. Herbert Schulze, Berlin-Grunewald

Herr Broder leidet offensichtlich sehr darunter, dass manche Leser eine Berichterstattung erwarten, die nicht allzu einfältig ist. Gibt es denn wohl viele Leser, die die Steinigung von Ehebrecherinnen im Iran nachsichtig beurteilen, weil sie an Hexenverbrennungen im Abendland erinnert werden? Treibt Herrn Broder die Sorge um, der Leser könnte die erste Seite der Medaille vergessen, wenn auch die andere erwähnt wird? Ich greife eine von Herrn Broders Anregungen für faire Berichterstattung nebst Hinweis auf Risiken und Nebenwirkungen auf: Er sagt, 99,9 Prozent aller Muslime seien friedlich und verabscheuten Gewalt. Aber wer dann frage, warum diese 99,9 Prozent mit den 0,1 Prozent ein wenig gewalttätigen nicht selber fertig werden, der solle sich nicht wundern, wenn er als islamophob bezeichnet werde. Vielleicht glaubt Herr Broder ja, seine Frage sei nicht islamophob. Aber sie ist so dumm wie die Frage, warum hunderte Millionen Katholiken nicht mit ein paar pädophilen Geistlichen fertig werden.

Ist es die Pflicht friedfertiger Muslime, mit gewalttätigen Muslimen fertig zu werden, oder nicht vielmehr eine Aufgabe aller, islamisch oder sonst was, eine Aufgabe für Politik, Polizei, Journalisten, und dann vielleicht auch für Imame?

Wenn Muslime sich dafür rechtfertigen müssen, dass sie mit gewalttätigen Muslimen nicht selber fertig werden, dann ist Herrn Broders Frage tatsächlich perfide.

Ernst Hermann Dittrich, Berlin-Steglitz

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