Meinung : Die Zumutung

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Es fällt leicht, sich zu mokieren oder gar zu kalauern: Warum heißt es noch Vatikan und nicht Muttikan? Und natürlich ist es eine Ohrenqual, den Satz „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln“ ersetzt zu hören durch „Adonaj weidet mich, mir fehlt es an nichts“. Doch für Späße oder ästhetische Kritiken ist die Sache zu ernst. Mehr als 50 Übersetzer beiderlei Geschlechts und verschiedener Konfessionen haben eine neue Bibelübersetzung präsentiert. Sie soll gerecht sein, geschlechtsneutral, nicht antijudaistisch, minderheitszugewandt. Aus „Mägden“ sind „Sklavinnen“ geworden, aus „Müßiggängern“ „Arbeitslose“, und Jesu scharfer Bergpredigtkontrast „Ich aber sage euch“ wurde aufgeweicht in ein sanftes „Ich lege euch das heute so aus“. Rund 400 000 Euro hat die fünfjährige Arbeit gekostet, finanziert wurde sie durch Spenden und von der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Aber nicht Aufwand und Kosten sind das größte Ärgernis, sondern die implizite Anmaßung: Nur wer Luther domestiziert, der kommt noch in den Himmel. Im Glaube lebt Tradiertes, und Tradiertes ist oft eine Zumutung. Kein noch so gerechter Neusprech wird das ändern. mal

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