Meinung : „Die Zustände erfordern es“

Caroline Fetscher

Er könnte sich gut zur Ruhe setzen, der Unruhestifter. Genug getan hat Günter Wallraff allemal. Dreckarbeit verrichtet hat er, darüber berichtet hat er.

Und genug Geld verdient hat er auch, schon damals, als sich seine Undercover-Reportagen in den siebziger und achtziger Jahren millionenfach verkauften. Allein seine Erlebnisse „Ganz unten“ an der Arbeitsfront der Großbaustellen, Stahlwerke und Fließbänder 1985, getarnt als Türke „Ali“, wurden in dreißig Sprachen übersetzt. Unter dem Namen Hans Esser hatte Wallraff 1977 den Alltag der „Bild“-Zeitung erforscht, um deren zynische Praktiken zu entlarven. Auch aus „Der Aufmacher“ war ein Bestseller geworden. Aber Günter Wallraff, geboren 1942 bei Köln als Sohn eines Ford-Arbeiters, legt sich nicht im Lanzaroter Feriendomizil in die Sonne, sondern geht wieder auf die Pirsch. Energiegeladen wie eh und je läuft Wallraff nach einer komplizierten Knieverletzung wieder Marathon.

Wer ihn dieser Tage erlebt, merkt schnell: Er kann nicht anders. Er will aufdecken, anprangern, abstrakte Statistiken zu Prekariat und Billiglöhnen mit nacherlebbarer Praxis mit Leben füllen. Unrecht in jeder Gestalt macht den gelernten Buchhändler zornig, dessen schreibende Karriere in der „Flugschrift für Lyrik“ begann. In Athen protestierte er gegen die griechische Militärjunta, er klagte gegen seine Einberufung zur Bundeswehr und legte 1964 mit den Industriereportagen los, die ihn berühmt machen sollten, ohne dass er es darauf angelegt hatte.

Eingeladen zum Weitermachen hat ihn nun „Zeit“-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo, dessen Pläne – Ironie des Zufalls – vom Geschäftsführer namens Esser unterstützt werden. Das Cover des neuen Magazins der „Zeit“ zeigt uns einen blondierten, verjüngten Wallraff, der mit dieser Maske zum Mitarbeiter eines Callcenters mutierte. Seine spezifische Mischung aus engagiertem Reporter, Sozialspion und Betriebsanthropologe inspirierte sogar ein neues Verb: „wallraffen“ ging in skandinavische Wörterbücher ein. Heute gilt Wallraffs Augenmerk, ganz dem Wandel der Gesellschaft entsprechend, nicht mehr dem Industriesektor, sondern der Dienstleistungsgesellschaft und deren gehetzten Jobber-Kolonnen, deren Löhne zum Leben nicht reichen. Verschmitzt und grimmig lächelt Wallraff, wenn er von seinen Plänen, den angenommenen Identitäten erzählt. Er muss, sagt er jetzt, wieder anfangen: „Die Zustände erfordern es.“

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