Meinung : Die Zwei

Bob Dylan und Heino lehren uns, was in Deutschland politisch geht

Harald Martenstein

Die Musiker Bob Dylan und Heino haben eine Menge gemeinsam – beide singen und spielen Gitarre auf eine eigenwillige, leicht wieder zu erkennende Weise. Beide sind ungefähr gleichaltrig (Dylan 64, Heino 66 Jahre), beider Karriere hat etwa zur gleichen Zeit begonnen, einer Zeit, die lange her ist. Beide sind fast eine Art Nationalsymbol geworden und werden von ihren Fans gelegentlich als politische Künstler verstanden, eine Einschätzung, der von den Künstlern selber in Interviews widersprochen wurde. Allerdings wird Bob Dylan seit Jahren als Kandidat für den Nobelpreis gehandelt, Gleiches lässt sich von Heino nicht sagen.

Beide, Dylan und Heino, sind in dieser Woche in Deutschland unterwegs. Dylan ist seit Jahrzehnten nahezu ununterbrochen auf Konzertreise, vermutlich wird sein Auftritt am Dienstag also nicht der letzte in Berlin sein. Bei Heino soll es die Abschiedstournee sein.

Es wird wohl keinen einzigen Deutschen geben, der sie beide mag und beide auf unironische Weise in seinem CD-Regal stehen hat. Dylan oder Heino: Diese Namen stehen für eine unsichtbare, geistige Grenze. Man ist entweder Heinodeutscher oder Dylandeutscher. Daraus folgt zweierlei.

Ein Begriff wie „Leitkultur“, der jetzt wieder von einigen CDU-Politikern ins Spiel gebracht wurde, eignet sich für Deutschland noch weniger als für andere Länder. „Leitkultur“ ist ein Heinowort. Es tut so, als ob von Ausländern eine positive, vielleicht sogar unterwürfige Haltung zu deutschem Brauchtum und deutschen Traditionen verlangt werden könnte, eine Haltung also, die sogar sehr viele Deutsche ablehnen, die Dylandeutschen. Niemand aber kann von den in Deutschland lebenden Ausländern mehr emotionales Deutschtum verlangen, als die Deutschen selber es aufbringen. Das im Grunde unschuldige Volkslied „Schwarzbraun ist die Haselnuss“, einer der großen Heinohits, gehört ganz sicher zum Kernbestand des traditionellen deutschen Liedtums, aber es ist auch unter den Deutschen emotional nicht unumstritten. Vielleicht vergehen diese HaselnussGefühle irgendwann, aber das muss vielleicht gar nicht sein, jedenfalls kann nur die Zeit es bringen. Das Erlernen der Sprache und das Befolgen der deutschen Gesetze, solche Selbstverständlichkeiten sind es, auf die der Staat beharren darf und muss, alles andere muss Privatsache bleiben.

Von den Grünen hängt bekanntlich die politische Zukunft Deutschlands ab: Falls die Grünen ihre Entwicklung zu einer liberal-wertkonservativen Partei fortsetzen und sich zur CDU öffnen, könnte es auf Jahrzehnte hinaus bürgerliche Mehrheiten geben. Falls die Grünen sich aber dauerhaft als eine Linkspartei verstehen, bleibt die CDU-geführte Regierung Merkel vielleicht ein Intermezzo, und die strukturelle Zukunft gehört rot-rot-grün. Heino bekennt sich, obwohl seine Kunst nicht politisch sein soll, zur CDU. CDU-Wähler bilden unter den Heino-Fans mit großer Wahrscheinlichkeit eine Zweidrittelmehrheit. Die Grünen aber sind die klassische Bob-Dylan-Partei. Schwarz-grüne-Koalitionen bedeuten also: gemeinsame Konzerte von Heino und Bob Dylan. The answer, my friend, is blowing in the Haselnuss! Dieses Konzert dürfte hochinteressant, aber recht schwierig werden, auch in musikalischer Hinsicht.

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