Meinung : Die zweite Luft für Berlin

Halber Regierungsumzug, leerer Schloßplatz: Die Stadt braucht noch eine Gründerzeit

Moritz Schuller

Berlin verschiebt wieder. Der Flughafen Tempelhof schließt vermutlich erst 2008, und der Abriss des Palasts der Republik verlängert sich, fast unbemerkt, um mindestens ein Jahr bis 2008. Für zwei der großen stadtplanerischen Aufgaben Berlins wird 2007 also ein verlorenes Jahr sein.

Der Gestaltungswille der vergangenen Jahre ist verloren gegangen. Berlin versinkt wieder im Provisorischen, und dem Bund ist, wie der Architekt des Kanzleramts sagt, im Regierungsareal „die Puste ausgegangen“. Es ist, als ob die Umgestaltung des Bode-Museum und die Eröffnung des neuen Hauptbahnhofs der Stadt die letzten gestalterischen Kräfte geraubt hätten. Als Symbol dieser neuen Enthaltsamkeit wird dem Hauptbahnhof das Dach gekürzt. Die Zeiten der Pracht und Pläne sind vorbei.

Jener horror vacui, der Bund und Stadt im wiedervereinigten Berlin antrieb zu Mahnmalen und Potsdamer Plätzen, scheint verflogen. Die Stadt wähnt sich am Ende einer Entwicklungsphase, in Wahrheit ist sie nur aus mangelndem Einfallsreichtum ins Stocken geraten.

Nichts dokumentiert das besser als die Lage auf dem Schloßplatz. Weil, wie die Sprecherin der Senatsverwaltung erklärt, der Asbest oft auch an unerwarteten Stellen aufgetreten sei, verzögert sich das große, vom deutschen Bundestag längst beschlossene Projekt „Neubau in der Kubatur des alten Stadtschlosses“. Unwahrscheinlich, dass sich Daimler-Chrysler am Potsdamer Platz von irgendwelchem Asbest den Zeitplan hätte diktieren lassen.

Dieses Loch in der Mitte der Stadt hält sich, nicht weil der politische Kampf um den historischen Ort noch immer toben würde, sondern weil weder Berlin noch der Bund, noch die Länder den Willen aufbringen, sich dieser Herausforderung zu stellen. Die Demokratie baut keine großen Häuser, gewiss, und Schlösser schon gar nicht. Aber nicht einmal einen Wettbewerb auszuschreiben, wie es der Bundestagsbeschluss vom 13. November 2003 der Regierung eigentlich vorschreibt, ist mutlos und falsch. Es ist Ausdruck einer Gesellschaft, die sich lieber nichts Großes vornimmt.

Karl Friedrich Schinkel hatte dem Schloss mit seinem Alten Museum, ganz dem programmatischen Impuls seiner Zeit folgend, ein bürgerliches Gebäude gegenübergestellt. Diese Übung fast zweihundert Jahre später zu wiederholen und mitten in der Stadt ein zeitgemäßes intellektuelles und ästhetisches Zentrum zu gestalten, sollte eigentlich eine faszinierende Herausforderung sein. Vor allem, da der Kompromiss – drei Seiten Schlossfassade, der Rest offen – der Gestaltung innen und außen sehr viele Freiheiten lässt.

Dass gerade wieder einmal der Umzug der Restregierung von Bonn nach Berlin im Gespräch ist, bietet eine willkommene Chance: Ein solcher Umzug könnte nicht nur eine historisch überholte und teure Zwittersituation beenden, sondern, wie der ursprüngliche Umzugsbeschluss, dem mutlos gewordenen Berlin einen neuen selbstgestalterischen Schub geben. Er könnte die dringend notwendige zweite Stufe der Hauptstadtwerdung zünden.

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