Meinung : Dinner for two

Thomas Seibert

Ganze Generationen von Diplomaten haben sich am Zypern-Problem schon die Zähne ausgebissen - doch jetzt soll plötzlich alles ganz schnell gehen. Er hoffe auf eine Lösung in sechs Monaten, sagt der UN-Sonderbauftragte Alvaro de Soto. Solche Einschätzungen wären noch vor kurzem undenkbar gewesen, doch in den vergangenen Tagen ist Historisches geschehen: Zum ersten Mal seit vier Jahren kamen der griechisch-zyprische Präsident Glafkos Klerides und der türkische Volksgruppenführer Rauf Denktasch zu einem Gespräch zusammen. Nur einen Tag später dinierte Klerides mit Denktasch in dessen Residenz im türkischen Sektor der geteilten Hauptstadt Nikosia. Erstmals seit einem Vierteljahrhundert überquerte Klerides dazu die Demarkationslinie zwischen den Sektoren - ein eindringliches Symbol. Beide vereinbarten die Wiederaufnahme von substanziellen Verhandlungen für den 16. Januar.

Da könnte der UN-Vermittler zwar durchaus Recht haben, doch eines ist gewiss: Die neue Phase einzuleiten ist wesentlich leichter, als sie erfolgreich zu Ende zu führen. Symbolische Gesten wie die gemeinsamen Abendessen sind wichtig, können aber die Interessengegensätze nicht überdecken. Die gute Atmosphäre beim Spitzentreffen auf Zypern wurde ja nicht zuletzt dadurch möglich, dass die beiden Seiten darauf verzichteten, ihre jeweiligen Standpunkte darzulegen und sich direkt auf Januar vertagten.

Denn wenn die Probleme auf den Tisch kommen, könnte es mit der guten Stimmung schnell vorbei sein. Soll ein vereintes Zypern ein Bundesstaat mit zwei untergeordneten Kantonen sein oder eine lockere Föderation zweier unabhängiger Staaten? Sollen die 40 000 türkischen Soldaten von der Insel abziehen? Dürfen vertriebene Griechen in ihre Dörfer im Norden zurück, ihre Häuser und Felder wieder in Besitz nehmen? Was passiert mit den vielen Festland-Türken, die inzwischen in ehemals griechischen Häusern leben? Wie sollen die gegenseitigen Gräueltaten der Zeit vor der Teilung aufgearbeitet werden?

Es wird keine einfachen Antworten geben. Dass trotzdem Anlass zur Hoffnung besteht, liegt nicht zuletzt an den EU-Kandidaturen Zyperns und der Türkei. Denktasch weiß, dass die Bevölkerung in seinem Sektor schon jetzt neidvoll auf den wohlhabenden Südteil der Insel schielt: Mit einem sturen "weiter so" riskiert der türkische Volksgruppenführer seine politische Zukunft. Gleichzeitig sorgen die Europa-Ambitionen von Denktaschs Schutzmacht Türkei für Dynamik. Es ist kein Zufall, dass die Fortschritte auf Zypern und die Teilerfolge im türkisch-europäischen Streit um die Verteidigungspolitik so kurz vor dem EU-Gipfel von Laeken erzielt wurden: Die Regierung in Ankara will vermeiden, dass sie in Brüssel das Image eines Dauer-Bremsers verpasst bekommt und die eigene EU-Kandidatur gefährdet.

Das bedeutet, dass sich in den nächsten Monaten auf Zypern neue Möglichkeiten ergeben könnten. Eine Lösung innerhalb eines halben Jahres, wie sie de Soto erwartet, erscheint aus heutiger Sicht dennoch unmöglich. Aber dasselbe hätte man noch letzte Woche von einem gemeinsamen Abendessen von Klerides und Denktasch gesagt.

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