Dioxin : Der Fortschritt und das Essen

Die Natur kennt keinen Abfall, und nicht nur in diesem Punkt ist es vernünftig, ihr nachzueifern. Der Umgang mit den Verwertungsketten, der verbotenes Dioxin ins Frühstücksei befördert hat, ist auch ein Blick auf den Widerspruch unserer Zeit.

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Skandal um Dioxin verseuchte Eier.
Skandal um Dioxin verseuchte Eier.Foto: dpa

Industriefett, angefallen bei der Biodieselproduktion, landete im Hühnerfutter und auf unseren Tischen. Verordnungslücke, Leichtgläubigkeit, Betrug? Fast zweitrangig. An diesem Fall gewinnen wir die traurige Erkenntnis, dass kollektive Anstrengungen für einen möglichst rückstandsfreien Umgang mit den natürlichen Ressourcen richtig nach hinten losgehen können, wenn private Kalküle entscheiden.

Und „private Kalküle“ sind eben nicht nur die des Hersteller, der diese Mixturen verwandt hat. Der leichtfertig-kriminelle Umgang mit Futtermitteln wird angetrieben von einer industriellen Tierproduktion und die wiederum von einem Massenkonsum, der viel erwartet für wenig Geld. Weil die ökologischen Nachteile und die für unsere Ernährung wiederum nicht mehr Expertenwissen, sondern verbreitetes Allgemeingut sind, bleibt diese Art des Wirtschaftens profitabel nur, weil die Risiken immer wieder verdrängt werden und der kurzfristige Vorteil die langfristigen Nachteile für Mensch und Natur übertrumpft. Die Menschen können genug, um die Naturgesetze zu ihrem Vorteil zu nutzen, so wie sie gleichzeitig zu dumm sind, ihre eigene Natur zu beherrschen. Sie wissen immer mehr, doch richtig klug geworden sind sie nicht.

So beginnt dieses Jahr mit hunderttausendfachen Diäten nach der Weihnachtszeit und 1000 gesperrten Bauernhöfen allein in Niedersachsen. Gegen die Diäten ist nichts einzuwenden, obwohl die meisten wieder einmal vergeblich sein dürften. Und weil die Dioxinwerte der verseuchten Eier deutlich unter den vor zehn oder zwanzig Jahren zugelassenen liegen, erleben wir womöglich zum wiederholten Mal nur ein ärgerliches Ereignis, mit der Erlaubnis zum baldigen Vergessen.

Das Jahr beginnt aber auch mit jenem Stachel des Unbehagens, der mit jedem dieser Skandale und der anschließenden Verdrängung größer wird. „Tiere essen“ heißt das aufsehenerregende Buch von Jonathan Safran Foer, das im letzten Jahr Aufsehen erregt hat, weil es alle Schrecken des fleischintensiven Massenkonsumismus aufdeckt. Großes Interesse auch für die „Essensfälscher“, die Thilo Bode entlarvt hat. Allgemeines Kopfnicken gibt es inzwischen für das Postulat, dass Vegetarier ja nicht jeder sein muss, dass man aber doch wissen sollte, was man isst. Gutes Öko-Essen als Sache nur der Besserverdienden ist ein überkommenes Bild, das der Aufstieg der Bioläden und der Bioprodukte in den Supermärkten widerlegt hat.

Erstaunlich ist vor allem der Imagewandel des vegetarischen Essens. Es ist noch nicht lange her, dass Vegetarier als blasse Schwächlinge verspottet worden; heute werden sie für ihre Konsequenz bewundert, sogar beneidet. Vegetarische Ernährung breitet sich unter jungen Leuten wie selbstverständlich aus. Und nicht nur, weil sie mit sich selbst, dem Globus und den Tieren vernünftig und mitfühlend umgehen wollen. Sondern auch, weil sie, wie junge Menschen zu jeder Zeit, einen feinen Sinn haben für die Widersprüche zwischen Worten und Taten der Erwachsenen, die in Sonntagsreden das Klima retten, aber ansonsten weiterleben wollen wie bisher.

Wer sind wir eigentlich? „Menschenzeit“ nennt der Wissenschaftsjournalist Christian Schwägerl unsere Epoche. Er steht nicht allein mit der Ansicht, dass unsere Gattung bestimmend geworden ist für das Geschehen auf dem ganzen Globus. Wir machen, wir formen die Natur. Man kann begründet sagen, dass wir sie uns untertan gemacht haben, die Erde. Gut aufgehoben aber ist sie, siehe Klima, Hunger, Ungerechtigkeit, in unseren Händen nicht.

Es wird sich herausstellen, wie groß oder klein dieser Dioxinskandal ist. Ein produktiver Hinweis auf die Lücken und Abgründe zwischen unserem Können und Verhalten ist er in jedem Fall.

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