Dioxin-Skandal : Die Spitze des Ei-Bergs

Über 150.000 Tonnen Tierfutter sind mit giftigen Dioxinen verseucht. Die Politik bastelt an Symptomen. Der Journalist und Ökologe Franz Alt fordert in seinem Gastbeitrag für den Tagesspiegel neue Strategien und entwirft neun Gebote für eine zukunftsfähige Landwirtschaft.

Franz Alt
Franz Alt.
Franz Alt.Foto: dapd

Im aktuellen Lebensmittel-Skandal – dem wievielten eigentlich? – ist die Entrüstung wieder groß. Bis zu 77-mal mehr giftiges Dioxin als gesetzlich erlaubt wurde gemessen. Von Tag zu Tag werden mehr Betriebe geschlossen – bis zum vergangenen Wochenende waren es schon über 4000 –, und immer neue Enthüllungen werden publik. Schon im März 2010 war Dioxin-belastetes Futter in den Handel gelangt. Das aber heißt: Was wir bis jetzt erfahren haben, ist nur die Spitze des Eisbergs oder auch des Ei-Bergs.

Sicher ist, dass schon geringe Mengen Dioxin gefährlich sind. Dioxine lagern sich im Körperfett ab und sind langfristig bedrohlicher als kurzfristig. Kurzfristig konnten die Behörden deshalb Entwarnung geben. Aber langfristig können Dioxine bei bereits geringen Konzentrationen zu Störungen des Immunsystems, schweren Erkrankungen von Haut und Atemwegen, der Schilddrüse und des Verdauungstrakts führen.

90 bis 95 Prozent der Dioxin-Belastung kommt über die Nahrung in den Körper – vor allem durch den Verzehr von Fleisch und Milchprodukten.

Die Politik bastelt jetzt wieder einmal an Symptomen. Zum Beispiel an mehr Kontrollen. Zur Ursachen-Bekämpfung aber bedarf es weitsichtiger Strategien, zum Beispiel durch diese neun Gebote einer zukunftsfähigen Landwirtschaft:

1. Weg von der industrialisierten und hin zur bäuerlichen Landwirtschaft mit mehr kleinen und mittleren Betrieben. So werden Landwirte wieder Lebenswirte. In Wien heißt das Landwirtschaftsministerium seit einigen Jahren „Lebensministerium“. Warum nicht auch in Berlin?

2. Mehr Öko-Landwirtschaft. Sie beachtet die naturgesetzlichen Kreisläufe zwischen Boden, Wasser, Pflanze, Tier und Mensch. Die Fruchtbarkeit des Bodens ist das wahre und wichtigste Kapital des Bauern. Ökologisch-biologische Landwirtschaft denkt und arbeitet ganzheitlich. Die alte Chemie-Landwirtschaft bewirkt zu viel Durchlauf und zu wenig Kreislauf. Im ökologischen Landbau werden lokale und betriebliche Rohstoffe eingesetzt.

3. Der Verbraucherschutz muss eindeutig Vorrang haben vor dem Gewinnstreben von Futtermittelherstellern. Nur dann wird aus Masse mehr Klasse.

4. Die Futtermittelwirtschaft muss ihre Selbstkontrollen verdichten, sonst bleibt sie eine kriminelle Vereinigung.

5. In der Landwirtschaft muss bei der Lebensmittelproduktion das Prinzip „Aus der Region für die Region“ gestärkt werden.

6. Die Bodenlebewesen werden durch achtsame Bodenbearbeitung gut gepflegt und ernährt. Das heißt organisch düngen und Stallmist verwenden. Gründüngung fördert bodenbiologische Prozesse. So wachsen die Pflanzen gesund und harmonisch.

7. Die richtige Kombination aus Ackerbau und Viehzucht bedeutet maximal 1,4 Großvieh pro Hektar. Schluss mit der Massentierhaltung und Schluss mit den Agrarfabriken. Artgerechte Tierhaltung bedeutet viele Bewegungsmöglichkeiten für die Tiere. Sie werden mit Produkten vom eigenen Hof gefüttert. Kranke Tiere erhalten Naturheilmittel.

8. Ökobauern machen die Kulturlandschaft durch Hecken, Teiche und Obstanlagen attraktiver. So entstehen auch Nist- und Unterschlupfplätze für Vögel, Insekten und andere Nützlinge.

9. Ökobauern arbeiten nicht mit Kunstdünger und chemischen Pflanzenbehandlungsmitteln, verwenden keine Chemie zum Nachreifen ihrer Produkte und keine Hormone für Pflanzen und Tiere.

Dass in der konventionellen Landwirtschaft Huhn, Schwein und Rind zur Entsorgung von Abfällen – auch von Giften – benutzt werden, müsste eigentlich jedem nachdenklichen Verbraucher schon lange klar sein. Dennoch kaufen viele Konsumenten noch immer nach dem fatalen Motto „Hauptsache billig“.

Solange sich das nicht ändert, darf sich niemand über den nächsten Skandal wundern. Nichts ist langfristig so teuer wie „billige“ Lebensmittel. Und genau dieses Verhalten produziert viel kriminelle Energie beim Hühnerei und beim Schweinefleisch.

Landwirtschaftspolitik ist Gesundheitspolitik, darum geht sie uns alle an.

Der Autor ist Journalist, Schriftsteller und Ökologe. 20 Jahre lang moderierte er das TV-Politikmagazin „Report“.

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