Meinung : Diplomaten-Krise: Selbstgefällig - Die Massenausweisung der russischen Landesvertreter

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Wenn in einem demokratischen Land nach langer Abstinenz die Oppositionspartei an die Regierung kommt, ist die Versuchung groß, jeden ihrer ersten Schritte als einen fundamentalen Richtungswechsel zu deuten. George W. Bush ist keine hundert Tage im Amt. Seine Versuche, sich politisch zu positionieren, sind unausgereift. Deshalb wäre es vorschnell, in der Massenausweisung der russischen Diplomaten einen Rückfall in den Kalten Krieg zu sehen. Es stimmt: Die Maßnahme ist drastisch, sie wirkt selbstgefällig und ihr Nutzen ist zweifelhaft. Aber eine Neuorientierung der amerikanischen Außenpolitik begründet sie nicht. Noch tapsen die Republikaner in viele Richtungen gleichzeitig, mal einen Schritt vor, mal einen zurück. Der Irak-Bombardierung folgte die Einsicht, dass das Sanktionssystem untauglich geworden ist. Ebenso könnte der Spionagekrieg damit enden, dass Washington die Rolle Moskaus besser begreift. Und das wäre durchaus wünschenswert. Denn bislang hat die Bush-Regierung in Richtung Putin bloß markige Worte von sich gegeben, statt ein schlüssiges Konzept zu formulieren. Doch selbst in der Rhetorik lässt sich eine Linie bislang nicht erkennen, allenfalls können Signale geortet werden. Zu ihnen zählt ein schwächeres internationales Engagement - Stichworte Irland, Balkan und Nahost - eine stärkere Betonung des Militärischen sowie eine gewisse Unempfindlichkeit gegenüber den Meinungen der Verbündeten. Aber das sind eher Zeichen, Hinweise, eine neue Strategie ist es nicht. Die angeblich so ungeheuer beeindruckende außenpolitische Kompetenz der Bush-Administration erschöpft sich derzeit noch in Experimenten. Ausgang: ungewiss.

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