Diskussion um das BIP : Wachstum, Wohlstand, Wahrheitssuche

Eine neue Bundestags-Kommission will die klassische Kennzahl des Wirtschaftswachstums überprüfen – so weit, so gut, so überfällig. Doch bei der Frage nach dem Bruttoinlandsprodukt geht es um mehr als Statistik.

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Wenn Fabrikschornsteine rauchen ist das gut für das Wirtschaftswachstum - aber mitunter schlecht für die Luftqualität.
Wenn Fabrikschornsteine rauchen ist das gut für das Wirtschaftswachstum - aber mitunter schlecht für die Luftqualität.Foto: dpa

In Deutschland soll künftig nicht allein das Bruttoinlandsprodukt (BIP) die Messlatte für wirtschaftliches Wachstum und Wohlstand sein. Die Kommission "Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität" begann am Montag die Suche nach Alternativen. Das Gremium aus 17 Abgeordneten und 17 Wissenschaftlern will in den nächsten zweieinhalb Jahren erforschen, ob neben dem Wirtschaftswachstum auch andere Kriterien zur Messung des Wohlergehens der Bevölkerung herangezogen werden können.

Dies ist überfällig: Seit langem wird bezweifelt, dass das BIP als alleiniger Indikator der Wirtschaftsleistung eines Landes taugt. Das Bruttoinlandsprodukt misst den Wert der im Inland hergestellten Waren und Dienstleistungen. Doch es berücksichtig nicht, zu welchem Preis die Wirtschaft wächst und ob das Wachstum den Menschen zu einer größeren Lebensqualität verhilft.

Deshalb erscheint es zunehmend als grotesk, wenn Politiker das als BIP gemessene Wirtschaftswachstum zu ihrem Erfolgsmaßstab machen und auf der Basis dieser Kennziffer gar von einem Wirtschaftswunder oder von „XXL-Wachstum“ sprechen. Das BIP ignoriert nicht nur Umweltverschmutzung und Ressourcenverbrauch, sondern gibt auch falsche Signale. Steigende Kriminalität, Umweltverschmutzung, Staus und all die damit zusammenhängenden Reparatur- und Vermeidungskosten erhöhen das BIP. So ließ die Beseitigung der Ölpest im Golf von Mexiko das BIP der USA anwachsen. Das Beispiel zeigt: Ein steigendes BIP kann sogar mit einer schlechteren Lebensqualität einhergehen.

Zweifellos muss auch über die Grenzen des Wachstums geredet werden. Die Erkenntnis, dass es auf einem Planeten mit endlichen Ressourcen kein unbegrenztes Wachstum geben kann, formulierte der Club of Rome bereits 1972. Angesichts des Klimawandels kann sie auch von wachstumsfixierten Ökonomen und Politikern kaum noch ignoriert werden.

Doch der monolithische Mainstream in Politik und Wissenschaft ist nur schwer zu knacken. Denn hinter der Etablierung des Bruttoinlandsproduktes als wirtschaftspolitisches Erfolgsmaß stehen gewachsene Machtstrukturen. So passt das konsumfixierte Maß BIP ausgezeichnet zum Modell des Homo Oeconomicus, mit dem die neoklassisch geprägte Wirtschaftstheorie bis heute menschliches Verhalten abzubilden versucht. Der Homo Oeconomicus ist ein streng egoistischer und selbstbezogener Mensch, der ausschließlich rational handelt. In zahlreichen Feldstudien und Laborexperimenten wurde diese wirtschaftswissenschaftliche Grundannahme längst widerlegt. Fairness, Solidarität und Kooperation gehören sehr wohl zur menschlichen Natur. Doch die „irrationale“ ehrenamtliche Tätigkeit wird beispielsweise nicht vom BIP erfasst.

Auch Verteilungsfragen werden sowohl vom Bruttoinlandsprodukt als auch von der herrschenden Ökonomie systematisch ignoriert. Eine zunehmende oder abnehmende Konzentration von Vermögen und Einkommen ist im BIP nicht sichtbar. Die Kennziffer unterscheidet nicht zwischen einem Euro, der einem Armen zukommt, und einem Euro, den ein Superreicher zusätzlich erhält. So kann das BIP theoretisch massiv steigen, während im Land eine Hungersnot herrscht. Das Wachstum kann sich auch ausschließlich aus den Unternehmensgewinnen und Vermögenseinkommen einer kleinen Oberschicht speisen. Eine Politik hingegen, die den sozialen Zusammenhalt im Land stärkt, senkt möglicherweise das BIP. Reiche und Gutverdiener profitieren hingegen von einer Politik, die sich daran ausrichtet, dass ihre Einkommen das BIP steigern.

Das Thema wachsende Ungleichheit ist für viele konventionelle Ökonomen und politische Entscheidungsträger jedoch keines. Dies wird auch deutlich, wenn man in die USA schaut, wo die Kennziffer Bruttoinlandsprodukt erfunden wurde. Dort ist die Einkommensungleichheit größer als in jedem anderen Industrieland. Gleichzeitig sind die USA nach der BIP-Statistik nach wie vor die reichste Nation: Im Jahr 2010 wird das nominale BIP in den USA nach Schätzung des Internationalen Währungsfonds (IWF) rund 14,6 Billionen US-Dollar betragen. Auch beim Bruttoinlandsprodukt je Einwohner oder Beschäftigten (Produktivität) sind die USA regelmäßig Spitzenreiter unter den großen Ländern. Diese scheinbar guten Daten helfen dem Land unter anderem bei der Aufnahme von Krediten zu günstigen Konditionen.

Auf der anderen Seite ist die Lebenserwartung in den USA niedriger als in anderen Industrieländern. Eine Studie der Columbia University’s Mailman School of Public Health führt dies ausgerechnet auf das amerikanische Gesundheitssystem zurück – das teuerste der Welt. Doch Ausgaben für die Gesundheitsversorgung gehen positiv in das BIP ein, genau wie Ausgaben für Strafgefangene, von denen es in den USA vergleichsweise viele gibt. Als Ausdruck hoher Lebensqualität können beide Kostenfaktoren wohl kaum gelten.

Eine politische Orientierung an der Wachstumschimäre und ihrer Maßzahl bedeutet aber immer auch eine Orientierung an den USA. Noch bis vor kurzem argumentierten viele Politiker, dass der scheinbar erfolgreiche Kapitalismus US-amerikanischer Prägung Vorbild zu sein habe. Sie ließen sich dabei vom den Ergebnissen des BIP-Wettrennens blenden und ignorierten die wachsende Verschuldung amerikanischer Haushalte.

Ein Umdenken in der Messung ökonomischen Fortschritts wäre wünschenswert. Denn die Messgröße beeinflusst das Tun. Würden Leistungen in Bezug auf die Verbesserung von Lebensqualität, Umwelt, Gesundheit, Bildung und Gerechtigkeit in einer zentralen Kennziffer mit erfasst, würden sie womöglich verstärkt Gegenstand politischen Handelns.

Dazu müssen jedoch verinnerlichte Denkmustern verabschiedet werden, was einigen politischen Akteuren kaum zuzutrauen ist. So wurde der ursprüngliche, von SPD und Grünen ausgearbeitete und von der Linken wieder eingebrachte Antrag zur Einsetzung der Enquete-Kommission von Union und FDP entschärft: Hinweise auf die soziale Spaltung im Land und Hunger in der Welt wurden gestrichen. Auch der Zusammenhang zwischen Geld- bzw. Kreditschöpfung der Banken und Entwicklung des realen Wirtschaftswachstums spielt um überarbeiteten Antrag keine Rolle mehr.

Abgeordnete von CDU und FDP haben hingegen klar gemacht, dass „die Kommission nicht systemkritisch an der sozialen Marktwirtschaft kritteln“ solle, und dass das Wirtschaftswachstum nach wie vor gebraucht würde. Auch soll ein neuer Fortschrittsindikator sich grundsätzlich weiter auf das BIP als Messgröße stützen. An der Diskussion um den Wohlstandsindikator, die in anderen Ländern längst geführt wird, kommen aber auch die Wachstumsfetischisten nicht mehr vorbei. Das ist ein kleiner, wenn auch schwer messbarer Fortschritt.

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