Diskussion um Fleischkonsum : Auch zu Hause brauchen wir einen Veggie-Day

Die Grünen fordern einen fleischlosen Tag in öffentlichen Kantinen. Die Empörung ist groß. Doch wer sich über den „Veggie-Day“ aufregt, hilft in Wirklichkeit nur der Lebensmittelindustrie.

von
Ein Mann isst Gemüse.
Die Grünen fordern einen wöchentlichen "Veggie-Day" in deutschen Kantinen.Foto: dpa

Antibiotika im Fleisch, Dioxin in Eiern, Erdbeerjoghurt mit Aroma aus Sägespänen, Analogkäse – bei jedem Lebensmittelskandal setzt eine Spirale der Empörung ein: Die Politik mahnt, der Verbraucher boykottiert, und nach ein paar Wochen ist alles wieder vergessen. Als die Grünen im Zuge des Wahlkampfs nun den „Veggie-Day“ vorschlugen, einen Verzicht auf Fleisch, wohlgemerkt nur in öffentlichen Kantinen und nur einmal pro Woche, löste das eine Welle des Protests aus. Man will sich ja schließlich als mündiger Bürger nicht vorschreiben lassen, was man zu essen hat.

Doch diejenigen, die sich aufregen über die Einmischung der Politik, spielen damit nur der Lebensmittelindustrie in die Hände. Die behauptet, es könne jeder frei entscheiden, wie viel Fleisch er essen will und ob es Bio oder Massenware ist. Doch das ist nicht so.

Die Aufregung über den Veggie-Day hilft nur der Lebensmittelindustrie

Denn tatsächlich kann der Bürger nur versuchen, sich in der von der Lebensmittelindustrie vorgegebenen Warenwelt zu orientieren, mithilfe von einigen wenigen Siegeln und Kennzeichnungsvorschriften, die auch erst in den vergangenen Jahren von Verbraucherschützern durchgesetzt wurden.

Doch was wirklich in den Lebensmitteln steckt, lässt sich kaum herausfinden. Geschmacksverstärker wird verschleiert als Hefe-Extrakt, Zucker versteckt als Glucosesirup. Während bei Obst draufstehen muss, woher die Ware kommt, gibt es bei Fleischsorten wie Hühnchen keine verbindliche Regelung. Bei verarbeiteten Produkten erfährt der Verbraucher nur dann den Herkunftsort der Zutaten, wenn der Hersteller gnädig ist. Und selbst da, wo „Made in Italy“ draufsteht, kann China drin sein, weil immer nur der letzte Verarbeitungsschritt für die Herkunftsangabe zählt. Tomaten aus China – gesalzen und passiert in Italien.

Wer im Supermarkt dank Siegeln faire und nachhaltige Waren ausfindig gemacht hat, muss dafür an der Kasse zudem ein paar Euro mehr ausgeben. Das kann sich nicht jeder leisten. Stattdessen sind viele Menschen gezwungen, günstige oder minderwertige Lebensmittel zu kaufen. Und ein Teil weiß es einfach nicht besser.

Angeblich kann jeder selbst entscheiden, was für Fleisch er isst

Die Politik aber begnügt sich damit, die Verantwortung auf den Bürger abzuschieben. Er soll an der Theke entscheiden, was für Lebensmittel er möchte. Daher gelten die Deutschen auch als Billigheimer, denen gutes Essen nichts wert ist. Ein mündiger Konsument aber, der eine fundierte Entscheidung treffen soll, braucht Transparenz. Und die vermeidet die Lebensmittelindustrie, wo sie nur kann.

Wenn die Regierung also wirklich etwas ändern will, an Massentierhaltung, an zunehmend verarbeiteten Nahrungsmitteln, dann muss sie die Industrie stärker regulieren. Muss sie zwingen, wirklich offenzulegen, wo die Lebensmittel herkommen und was drinsteckt, statt ein Siegel nach dem anderen zu schaffen. Muss Geld investieren, damit in Schulen gelehrt wird, wie man sich gesund und nachhaltig ernährt. Und muss Regeln für eine tierfreundlichere Fleischproduktion schaffen, deren Steaks und Rippchen auch etwas kosten. Einen Anfang hat die Europäische Union beim Verbot der kleinen Käfige für Legehennen gemacht.

Dann wären viele Verbraucher vielleicht sogar gezwungen, wegen der höheren Preise auch zu Hause einen „Veggie-Day“ pro Woche einzuführen.

82 Kommentare

Neuester Kommentar